Autofahren für Blinde

Klingt auf den ersten Blick merkwürdig und unvorstellbar, ist es auch, denn blinde Menschen werden wohl nie am Steuer eines Gefährtes hantieren können. Diese Veranstaltung war dazu gedacht, Sehbehinderten und Blinden ein Gefühl von Auto- und Motorradfahren zu vermitteln.

Das erste Mal hörte ich von einem derartigen „Versuch“ in Deutschland und wäre da am liebsten hingefahren, wenn’s nur nicht so weit gewesen wäre. Als ich vom gleichen Projekt, das am 23. Juni 2001 in Graz stattfinden sollte hörte, konnte mich nichts davon abhalten. Ich war zwar wohl einige Male am Steuer des Autos meines Partners gesessen, doch vom Fahren hatte ich nicht wirklich eine Ahnung. Außerdem wurde auch Motorrad fahren angeboten und das hatte ich noch nie erlebt.

Der ARBÖ Graz stellte einen Abholdienst, Fahrschulautos, ein Motorrad, das abgesperrte Gelände, engagierte Fahrlehrer, ein Aufenthaltszelt und Verköstigung zur Verfügung. Alleine das beeindruckte mich, denn es zeigte sich schon vor Beginn, dass sie sich wirklich Gedanken gemacht hatten. Es waren ca. 50 Interessierte angereist und man konnte die Neugier und Aufregung direkt spüren, natürlich auch hören. Wir Teilnehmer bekamen ein weißes T-Shirt zum überziehen, damit wir für die Fahrlehrer von den Begleitpersonen zu unterscheiden waren.

Der 1. Durchgang bestand darin, dass wir als Beifahrer in einem offenen Porsche Geschwindigkeit und Beschleunigung spüren und erleben konnten. Mir gefiel das offene Cabrio, das sehr niedrig gebaut war. Der Motor klang tief, ähnelte für meine Ohren dem eines Ferraris. In so einem schicken Wagen durch die Landschaft kurven täte mir schon gefallen. Ober mir der strahlend blaue Himmel und die Sommersonne auf der Haut. Der Fahrer lächelte, weil ich ihm meine Empfindungen natürlich mitteilte. Leider war diese Fahrt sehr kurz, na ja, ich war ja nicht alleine. Viele blinde Menschen erzählten anschließend fasziniert, wie toll das Gefühl war, in den Sitz gedrückt zu werden, ich konnte ihnen nur zustimmen. Ich schilderte auch meiner Freundin Petra Raissakis , bei der ich wohnen durfte, beeindruckt davon und ebenso wie sehr ich mich aufs Zweirad freute. Dies hörte ein Fahrlehrer und fragte mich ob ich jetzt Lust darauf hätte, denn ich wäre unter den ersten. Und wie ich diese hatte, so brachte er mich gleich darauf auf die andere Seite des Platzes. Da stand sie, eine große Honda, größer als in meiner Vorstellung. Der Fahrer lachte über mein Staunen und zeigte mir, wie ich mich auf den Fahrersitz begeben konnte. Obwohl ich an sich beweglich bin, war das Motorrad für mich zu hoch und zu breit, sodass ich es erst beim zweiten Versuch schaffte, den rechten Fuß über den Sitz zu schwingen. Er zeigte mir alle Bedienelemente, indem er meine Hand nahm und die Finger auf die verschiedenen Knöpfe legte. Dazu erklärte er ausreichend und beantwortete auch meine Fragen, denn mit meinem Sehrest konnte ich nicht genug erblicken. Natürlich konnten wir da nicht selber fahren, so schwang ich mich wieder mit einiger Anstrengung vom Fahrersitz herunter und nahm hinter ihm Platz. Dort saß ich wie in einem bequemen Wohnzimmersessel mit Armlehnen. Er setzte sich und mir einen Sturzhelm auf, das war ein witziges Gefühl wie unter einer Trockenhaube. Damit wir uns verständigen konnten, gab’s ein eingebautes Mikrofon, das er ansteckte und Kopfhörer. Diese Art der Kommunikation war mir völlig fremd und jetzt erst begriff ich, auf welche Art sich Fahrer und Beifahrer unterhielten. Ich hatte ja schon öfters vom Auto aus beobachten können, dass sie sprachen und stellte mir manchmal die Frage, wie das in dem Straßenlärm möglich war, nun wusste ich es.

Das Starten des Motors war Musik in meinen Ohren, der Wind im Gesicht durchs halb offene Visier Freiheit. Die erste Runde fuhr er langsam, fragte mich dann, ob er Gas geben konnte oder ob ich mich dann fürchten würde. Mein Grinsen war ihm Antwort genug und er drehte auf. Mann war das toll, als wir uns in die Kurven legten. Der Boden kam mal links, dann rechts näher und die Landschaft wurde schräg. Der Rundumblick war ebenso überwältigend wie das hologrammgeschmückte Zweirad. Doch der Genuss dauerte nicht lange, denn die anderen Teilnehmer waren bereits in Scharen angestellt. Das einzige, was ich mir nicht vorstellen kann ist, wie man die Balance hält, denn diese Maschine wiegt mit Sicherheit etliche hundert Kilo. Doch das zu fragen hatte ich wegen dem Ansturm keine Gelegenheit mehr. Ich bin schon glücklich, ein Foto von mir auf dem Fahrersitz ergattert zu haben, das der Fahrer netterweise von mir machte.

Ich auf der Honda

Schon wurde ich zum Autofahren geholt, diesmal saß ich selbst am Steuer des Fahrschulwagens. Ich wusste von Günthers Auto, wo die Pedale angebracht waren und welche Funktion sie hatten. Auch der Schalthebel und das Lenkrad waren mir vertraut. So startete ich auf Anweisung des Fahrlehrers recht flott und sicher, da er mir kaum was erklären musste. Doch dann gingen die Probleme los, denn Theorie erwies sich auch in diesem Fall als völlig anders als die tückische Praxis. Die Kupplung wollte nicht so wie ich wollte und das richtige Dosieren des Gaspedals musste nicht umsonst intensiv erlernt werden. Einzig mit lenken hatte ich keine Probleme, denn mit meinem Sehrest konnte ich Kurven einschätzen. Genau als der Fahrer staunte, weil ich „übergreifen“ konnte, würgte ich den Motor ab. Wir lachten beide, doch wiederum war leider die Zeit viel zu kurz, um mehr über die richtige Reihenfolge der Pedale lernen zu können.

Zurück bei Petra erzählte ich ihr natürlich davon und auch vom Rettungswagen, der seitlich der Sitzgelegenheiten, wohl für alle Fälle, neben dem abgesperrten Areal stand. Ich versuchte ihn ihr zu beschreiben, das hörte der Notarzt, der hinter mir stand und den ich auch deshalb nicht gesehen habe.

„Wollen Sie sich das Auto aus der Nähe anschauen?“ fragte er. Ich drehte mich um und nickte begeistert. Petra mochte nicht mit, sie war bereits schon einmal mit einem Ambulanzwagen unterwegs gewesen und wollte sich wohl nicht gerne daran erinnern. Ich konnte Alles von außen und innen genauestens betrachten und bekam eine detaillierte Beschreibung von den Geräten. Er legte mich sogar auf die 20 Kilo schwere orange Tragbahre, sicherte mich mit Gurten und demonstrierte mir somit, wie man raus- und wieder reingeschoben wurde. Ich staunte nicht schlecht über die selbständig ausklappbaren Räder und dass man die Bahre je nach Belieben absenken bzw. abnehmen konnte, um auch im Treppenhaus zurecht zu kommen. Er erzählte mir von Einsätzen und ich konnte in Ruhe zuhören und fragen, denn ich war hier ganz alleine.

Nach vier Stunden Einsatz der Fahrlehrer nahm eine gelungene Veranstaltung ihr Ende.

Ich möchte mich auf diesem Weg bei Allen bedanken, die mir ein unvergessliches Erlebnis ermöglicht haben.


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Letztes Update 27. Juni 2001
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