Fehlgeburt - mein verlorenes Baby

Ich habe lange überlegt, soll ich meine Erlebnisse der Öffentlichkeit zugänglich machen? Schließlich entschied ich mich dafür, um zu zeigen, dass eine Schwangerschaft möglicherweise eine wahre Flut von Gefühlen auslösen kann – es freilich aber nicht muss. Kommt es zu einer Fehlgeburt, begleiten einen mitunter unterschiedlich lange Zeit Trauer, Depressionen, Einsamkeit und Schuldfragen. Laut den Ärzten und Erfahrungsberichten anderer Frauen ist das – je nachdem wie man empfindet – völlig normal und es spielt keine Rolle, ob man sein Baby in der 6. oder 12. Woche verliert. Je fortgeschrittener eine Schwangerschaft ist, desto weniger treten Fehlgeburten auf. Vielleicht kann ich Betroffenen auf diesem Wege mein Mitgefühl vermitteln, denn es geht euch nicht alleine so. Sehr wertvoll und wichtig war und ist für mich mein mich liebender Günther, der mit mir verbunden auch durch diese Zeit ging. < br /> Geteiltes Leid ist halbes Leid!

Erst nach und nach begriff ich, dass ich mein Schicksal mit Vielen teilte, denn wenn für einen etwas Gravierendes passiert, hat man das Gefühl, man ist der Einzige auf weiter Flur, dem es so geht. Man sieht nur sich und sein Elend, verschließt sich vor der Welt und glaubt, man würde nie wieder lachen können oder Freude an früheren Dingen haben, die man doch vor dem tragischen Ereignis so gerne gemacht hat. Doch von Anfang an:

Mein Hormonhaushalt geriet offenbar durch inneres Ungleichgewicht durcheinander, was ich jedoch nicht bemerkte. Es sei hier erwähnt, dass ich seit dem Jahr 2000 nach der NFP (natürliche Familienplanung), verhütete, weil ich viele Pillen wegen Zwischenblutungen nicht vertrug. Ich weiß, dass es mehreren Fraun so geht.

Ich bemerkte bereits am 24. und 25. Zyklustag, dass sich etwas außerhalb der Norm abspielte, denn ich hatte an beiden Morgen kurze dunkle Zwischenblutungen. Ich dachte, die Regel würde halt früher als üblich und ungewöhnlicher beginnen. Das beunruhigte mich also nicht weiter.

Als ich am 30. Tag noch immer keine Regel bekam, mir beim Laufen heißkalt wurde und ich erschöpft heim gehen musste, machte ich mir das erste Mal Gedanken, was da womöglich mit den Hormonen nicht stimmte. Nach dem 29. Tag war die Blutung seit Jahren nicht mehr gekommen. War ich krank?

Als sie zwei Tage darauf noch immer nicht da war, dachte ich das erste Mal an Schwangerschaft und machte mir einen Termin beim Gyn aus. Der Test ergab am 34. Tag mittels Urinprobe, ich war schwanger. Doch der Ultraschall verhieß nichts Gutes, denn ich hatte ein Myom. Der Arzt meinte, noch könne er nicht sagen, ob das für mein Kind gefährlich werden könnte, erst in drei Wochen, wenn ich in der 8. Woche sei.

Da ich Glaukom habe, besuchten mein Günther und ich am Folgetag Oberarzt Rigal, der uns mitteilte, dass es weder ein erwiesenes Für noch Gegen bezüglich meiner Augentropfen während der Schwangerschaft gibt. Uns beruhigte, dass die Nachkommen bei Tierversuchen keinerlei Schädigungen aufwiesen. Da ich von Anfang an Zwischenblutungen hatte (mal mehr, mal weniger, dann wieder nicht) und das Myom wie ein Damoklesschwert über unserem Baby hing, beschlossen wir, vorerst mal Niemandem – außer unseren engsten Freunden – von meiner Schwangerschaft zu erzählen. Erst, wenn es sicher war, dass unser Kind gedeihen würde, wollten wir es Allen freudig und stolz mitteilen. Wir hatten einfach Angst, Viele würden sich freuen und dann müssten wir wiederum Jedem erzählen, dass es leider nichts geworden ist. Ich hatte von dem Zeitpunkt an, als eigentlich die normale Regelblutung hätte einsetzen sollen, große Brustschmerzen. Manchmal musste ich sie mir vor dem Aufstehen vom Bett halten oder langsamer auf der Straße gehen. Ich habe zwar durch meine sportlichen Betätigungen stützende Sport-BHs, doch die halfen nur minimal. Ich hoffte, das würde sich geben.

Am Wochenende bekam ich erneut Zwischenblutungen, die jedoch nicht stark waren und nur kurz anhielten. Sie kamen in unregelmäßigen Abständen und vergingen wieder. So suchte ich keinen Arzt auf, wollte keine übermäßige Angst aufkommen lassen.

Ende der 6. Woche hatten wir eine Beziehung zu unserem Kind aufgebaut. Kaum bekam ich Zwischenblutungen, waren wir nervös und besorgt. Anfang der 7. Woche wurden diese heftiger, wir suchten daraufhin sofort den Gynäkologen auf. Genau zu der Zeit ging ein arger Hagelsturm über Wien nieder, das versetzte mich in Angst und Schrecken, denn es war binnen kurzer Zeit weiß wie im Winter und derart laut, dass man kaum mehr sein eigenes Wort verstand. So etwas hatten Günther und ich – und wohl viele Andere – noch nicht erlebt.

Floridsdorf ist schneeweiß

Der Frauenarzt konnte bei der Ultraschalluntersuchung nichts Außergewöhnliches feststellen. Er erklärte mir, was er sah, nämlich den Frucht- und Dottersack. Er verschrieb mir Magnesiumbrause und meinte, wenn die Blutungen ärger werden würden, sollte ich raschest ein Spital aufsuchen. Am Abend fühlte ich mich wieder wohl, die Blutungen hatten aufgehört und ich schlief glücklich in Günthers Armen.

Am kommenden Vormittag bekam ich heftigere Blutungen, es war Anfang der 7. Woche. Ich suchte mir mein vertrautes Spital aus, das ich seit Jahren wegen der Augen gut kannte. Ich staunte über die moderne Ausstattung des Gyn-Stuhls, er sah für mich ergonomisch aus. Der Arzt war sehr aufmerksam, tastete mich gründlich ab und machte einen ausführlichen Ultraschall. Was er mir dann sehr vorsichtig und einfühlsam mitteilte, erschreckte mich allerdings: „Leider deformierter Fruchtsack, gestörte Schwangerschaft und keine Herzaktivität. Die Ursache ist möglicherweise ein 15 mm großes Myom an der falschen Stelle. Ich fürchte, um eine Curettage kommen Sie nicht herum.“ Mir war ab diesem Zeitpunkt klar, dass das sofortige Aufnahme bedeutete und dass Kleini den Kampf verloren hatte. Mir wurde zwecks HCG-Wert (das ist das Schwangerschaftshormon) Blut abgenommen, und auf der Station angekommen, rief ich meinen Günther an, der zwei Stunden später hier war. Wir saßen lange schweigend am Gang und mussten traurig und wehmütig erkennen, dass es morgen um diese Zeit unser Baby nicht mehr geben würde. Bei der Abendvisite meinte der Arzt, ob ich morgen noch den HCG-Wert – also dieses Schwangerschaftshormon – abwarten wolle, woraufhin ich entgegnete, ob das denn überhaupt Sinn macht. Er schaute in meine Befundmappe und sagte, dass der wohl sinken würde, eben weil das Baby tot war. Er erklärte mir: „Solange eine Frucht lebt, steigt dieser Wert sonst fällt er.“ So bekam ich am Abend und am kommenden Morgen Tabletten zwecks Operationsvorbereitung und Infusionen, bestehend aus Flüssigkeit und Antibiotika. Ich empfand in diesen Stunden gar nichts, worüber ich dankbar war, auch die Kurzzeitnarkose vertrug ich gut. Einzig das Aufwachen irritierte mich, denn ich bekam einen richtigen Weinkrampf – der erste von vielen, doch das wusste ich zu der Zeit noch nicht. Ich fühlte mich einsam in dem großen Aufwachzimmer, Niemand war im Raum und Kleini existierte nicht mehr. Es dauerte lange, bis ich mich beruhigte, und in meinem Zimmer angekommen, Günther anrief, der gleich kam.

In den kommenden Tagen lag ich meist im Bett und fühlte mich innerlich leer. Ich vermisste mein Kleini schrecklich und hatte Schmerzen und Blutungen.

Die nächsten Tage war ich schmerz- und blutungsgeplagt und es ging mir körperlich und seelisch absolut nicht gut. Ich war depressiv, traurig und sah in Nichts einen Sinn. Günther freuten seine üblichen Hobbys auch nicht, er wollte nur einfach bei mir bleiben. Wir verstanden nicht recht, weshalb wir bloß so traurig waren, Kleini hatte doch laut den Ärzten gar nicht gelebt und ich spürte und wusste von der Schwangerschaft lediglich in Summe vier Wochen. Was bloß hatte sich in dieser Zeit im Körper und innen drin abgespielt, das vor allem mich, aber auch uns so veränderte? Sah ich auf der Straße Babys, beneidete ich die Mütter und wünschte mir selbst so ein liebes Kleini. So vergingen die Tage doch die ständig wiederkehrenden Schmerzen und Blutungen zehrten sehr an meiner Substanz. Wie lange würde das bloß so gehen und wie lange würde mich mein bisher so gern ausgeübter Sport nicht freuen?

In dieser Zeit und Wochen später quälen mich auch noch Schuldgefühle.
Gab es überhaupt eine erklärbare Ursache und eine Schuldfrage oder sollte man diesen Frühtod des Babys als Schicksal akzeptieren?< br /> Je mehr ich in Foren und Homepages las, desto mehr erfuhr ich über Fehlgeburten und ich war eine unter vielen Frauen, denen es ähnlich erging wie mir.

Kleini werde ich nie vergessen, dieser Einschnitt wird immer in meinem Herzen verankert bleiben.
Ich bin wieder die "Alte", voll Elan und Power. Sportmäßig auf Hochtouren und optimistisch und positiv eingestellt. Man muss die Trauer zulassen und das Schöne daran ist - so grotesk dieses Wort in dem Zusammenhang auch klingen mag - dass sie Günther und ich gemeinsam durchgestanden haben. Männer fühlen anders, doch sie empfinden genauso auf ihre Weise. Damit muss man als Frau umgehen lernen, doch jede Hürde, die wir gemeinsam schaffen, schweißt uns mehr zusammen.


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Letztes Update 07. Juli 2003
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