Meine Erlebnisse beim Laufen

Wenn ich Jemanden mit einer guten, womöglich noch durchtrainierten Figur gesehen habe, hat mir das immer schon imponiert. Muskelpakete allerdings gefallen mir weder bei Männern noch bei Frauen.

Auf den Gedanken zu laufen brachten mich, unabhängig voneinander, zwei Frauen. Ihre schlanken Oberschenkel und der flache Bauch beeindruckten mich, da war keine Cellulite, kein Gramm Fett. Ihre gute Figur wollte ich auch haben, obgleich ich mir bewusst war, sie sind jünger und ich bin keine dreißig mehr. Doch welchem Mann gefällt nicht eine attraktive Frau, wenngleich Äußerlichkeiten in einer langjährigen Beziehung nicht wirklich eine Rolle spielen sollten. Wichtig war mir auch, dass ich mir selber gefiel.
Mein weicher und älter werdender Körper begann mich zunehmend zu nerven. Aß ich ein bisschen mehr, wurde mein Bauch rundlicher und meine Oberschenkel stärker, trotzdem ich mit 1,60 Metern 52 Kilo wog. Doch die Proportionen stimmten nicht mehr so ganz, so empfand es zumindest ich.

So zog ich fest entschlossen Turnschuhe, eine Jogginghose und ein T-Shirt an und sauste am

01. April 2002

voll Elan aus dem Haus. Dieser erste Versuch scheiterte jedoch kläglich, denn ich lief mit zu hohem Tempo und zu großen Schritten. Bereits nach einer viertel Stunde ging ich langsam, außer Atem, erschöpft und resigniert wieder heim. Ich erzählte meiner Lauffreundin enttäscht von meinem ersten Laufversuch. Sie riet mir, ganz langsam und mit kleinen Schritten anzufangen, 3 Minuten laufen, 2 Minuten gehen, das maximal 30 Minuten und wenn möglich 3 x die Woche.

Beim zweiten Versuch genierte ich mich. Ich hatte das Gefühl, die Leute schauten mich mitleidig oder abschätzig an, weil ich so langsam und unsicher, typisch für einen Anfänger, lief. Und wieder kehrte ich mutlos heim. Aber warum ließ mich dieses Laufen nicht los, warum zog es mich immer wieder hinaus?

Beim nächsten Mal drehte ich in der Wohnung meine Runden, auch wenn es im Grunde nichts bringt. Hier war ich wenigstens unbeobachtet und hielt die Zeiten genau ein. Ich konzentrierte mich auf kleine Schritte, versuchte die Arme im richtigen Rhythmus mitschwingen zu lassen und auf dem Mittelfuß aufzusetzen. Anfangs achtete ich auch auf die Atmung, stellte aber fest, dass sich die von alleine regelt.

Nach drei „Stubenrunden“ wagte ich mich wieder außer Haus und stellte fest, ich hatte weniger Probleme. Freilich schmerzten die Waden noch und brannten die Bronchien, aber ich schaffte die halbe Stunde. Ich fühlte mich sicherer und war das erste Mal ein bisschen stolz auf mich. Vorübergehende Leute irritierten mich nur mehr am Rande und diese Erkenntnis baute mich noch mehr auf. Die heiße Dusche danach war angenehmer als sonst und das Frühstück schmeckte auch besser als bisher, was für mich ebenso ein neues Erlebnis war.
Bei der Suche im Web nach Laufseiten sammelte ich zusätzliche Informationen rund um dieses Hobby und trug mich in Foren ein, um Fragen zu stellen.

Laufanfang im Jäner 2002

Die ersten drei Wochen kosteten mich trotz kleiner Erfolge noch viel Überwindung, Ernegie und Kraft.
Lilli riet mir, auf Grund meiner wachsenden Laufintensität, zu Laufschuhen, denn mit den normalen Turnschuhen seien Läufe für den Fuß sehr belastend. Ich hatte eh bemerkt, dass ich hart und ungedämpft auf dem Asphalt aufsetzte und die Erschütterungen, die ich im ganzen Körper spürte, unangenehm waren. Ich schob es aber auf meine mangelnde Lauferfahrung. Also ging ich in einen bekannten Laufshop. Aber genier, bei der Schuhbestimmung stellte ich mich im Sportgeschäft auf dem Laufband sehr ungeschickt an, denn ich hatte keine Erfahrung im Umgang mit solchen Geräten. Doch der Verkäufer war einfühlsam, lauferfahren, kompetent und fand sofort den richtigen Laufschuh für mich.

Die nächsten zwei Wochen war ich damit beschäftigt, mich an die neuen Schuhe zu gewöhnen. Sie waren, im Gegensatz zu handelsüblichen Turnschuhen, mehr gepolstert und hatten eine optimale Dämpfung. Ich setzte weicher auf und es lief sich unkomplizierter und einfacher. Ich lief nicht mehr so kantig sondern der Bewegungsablauf wurde fließender. Inzwischen schaffte ich schon sieben Minuten durchzulaufen.

Es war an einem trüben, kühlen Morgen. Ich hatte ausgiebig geschlafen und war auch sonst gut aufgelegt. Während des Laufens dachte ich nicht, wie sonst, an die Minuten sondern an irgendetwas, das mir durch den Kopf ging. Nebenbei genoss ich die wolkenverhangene Morgenidylle. Als ich auf die Uhr schaute, waren zehn Minuten um, ohne dass mir die Bronchien brannten und die Waden schmerzten. Da hats irgendwie klick gemacht, ich fühlte mich auf einmal frei, hatte das Gefühl schweben zu können, genoss die frische Luft und wollte meine Laufstrecke erweitern. Ich lief erstmals 40 Minuten mit 3 Gehpausen und war einfach nur glücklich. Sport-BH und Pulsmesser folgten ebenso, wie Laufbekleidung und ich erweiterte mein Wissen und meine Laufrunden.

Inzwischen werde ich direkt unrund, wenn ich nicht zweimal die Woche jogge. Ich fühle mich stark, stolz und glücklich, wenn ich an Menschen vorbeilaufe. Immerhin erarbeitete ich mir diesen Freizeitgenuss trotz meiner Sehbehinderung und den damit verbundenen Problemen ganz alleine und trotzte allen Anfangshürden. Andere Läufer irritieren mich nicht mehr, gang im Gegenteil. Ich beobachte ihren Laufstil, ihr Tempo oder ihre Kleidung. Doch weil ich meist gegen sieben am Morgen außer Haus gehe, kommen mir selten Leute entgegen und ich kann mich ganz auf mich konzentrieren.

09. Mai 2002

Laufen beim Rapsfeld

Über ein Monat ist seit dem letzten Eintrag vergangen Zeit, in der sich wenig für den Betrachter und doch viel für mich getan hat. Inzwischen laufe ich die 16. Woche. Weil es jetzt im Mai schon ziemlich warm geworden ist, habe ich mir einige kurze Laufhosen gekauft und vor allem einen Trinkgurt. So habe ich meine Flasche *lächel* stets bei mir, ebenso wie das Handy und den Schlüssel. Seit ein paar Einheiten laufe ich ca. eine Stunde durch, mal schneller, mal langsamer. Das Spiel mit dem Tempo macht mir nach wie vor Spaß und die Pulsuhr ist reine Kontrolle. Fühle ich mich fit und wohl, achte ich kaum darauf, komme ich außer Atem oder Takt, genügt ein Blick und ich weiß warum. Das Laufen macht mir mehr Freude denn je. Jetzt in den Sonnenaufgang zu starten ist einmalig schön und noch kühl, denn unter Tags wird es föhnbedingt ohnedies zu heiß. Ich rieche mit jedem Atemzug die blühende Natur und die leuchtend gelben Rapsfelder sind eine wahre Augenweide. Gänseblümchen und Löwenzähne raufen sich um einen Stehplatz und der Flieder zeigt sich von seiner üppigsten Pracht. Traktoren fahren auf den Feldern und die Bauern, an denen ich so oft vorbeilaufe, begrüßen mich inzwischen, weil ich für sie vertraut geworden bin und zum Landschaftsbild gehöre.

Im Fitnesscenter bin ich mittlerweile auch heimisch geworden. Ich kenne mich gut aus, komme mit den Geräten zurecht und bin in der Woche dreimal eifrig bei der Sache.

21. Oktober 2002

Laufen im bunten Herbst

Fünf Monate sind wie im Flug vergangen und von Wärme und Sonnenschein ist keine Rede mehr. Der Herbst hat Wien erfasst und während es in den meisten Städten, die von Bergen umrahmt sind, oft heiter und föhnig ist, regiert hier der Hochnebel und drückt die Temperaturen. Im vergangenen Restwinter lief ich mit der guten alten Leggings und einem Strickpullover, da ich ja nicht wusste, ob mir diese neu ausprobierte Art des Sports überhaupt gefällt. Weil dem aber zunehmend so ist, habe ich mir erst vor kurzem ein neues Outfit zugelegt. Alexandra hat mich in ein Sportfachgeschäft begleitet und mich aus ihrer eigenen Lauferfahrung sehr gut beraten. Die gelbe Jacke leuchtet direkt, was in dieser dunklen Jahreszeit von Vorteil ist. Sie hat zusätzlich am Rücken einen reflektierenden Streifen und ist wind- und wasserabweisend. Darunter trage ich einen Fleecepullover, der schön warm und flauschig ist. Er transportiert den Schweiß rasch vom Körper weg, sodass man sich nicht verkühlen kann. Die Laufhose ist innen flauschig weich und außen ebenfalls wasser- und windabweisend. Ist es recht kalt, habe ich mir eine Haube und dicke Laufhandschuhe gekauft. Jetzt brauche ich nur noch geeignete Laufschuhe für diese Jahreszeit.

12. Jänner 2003

Laufen im Tiefschnee

Nun ist der da, der von Vielen lang ersehnte Winter. Nur mir könnte er gestohlen bleiben, zumindest in der Großstadt. Ich friere eh so leicht und die letzten Wochen hatten wir immer ordentliche Minusgrade. Der Schnee ist im Stadtgebiet bald braun und weil in den letzten Tagen an die 25 cm gefallen sind, türmen sich teilweise mannshohe Schneewächten. Wenn die Sonne scheint, blendet die "weiße Pracht" nicht nur mich, sogar im Radio werden die Autofahrer aufgefordert, auf erhöhte Blendwirkung zu achten und dementsprechend zu fahren. Nun denn, des einen Freud ist des anderen Leid, doch ich lasse mich durch keine Naturkapriolen vom Laufen abhalten. Ich habe mir geeignete Laufunterwäsche gekauft und eine Thermolaufhose. Auch neue Laufschuhe mussten her, die wasserdicht waren, denn mit den Sommerlaufschuhen aus großteils Stoff schwimmt man mehr :-). Die selbe Jacke, die ich auf dem Herbstfoto in gelb habe, kaufte ich mir in rot, man braucht ja schließlich was zum wechseln. Eine warme Laufhaube aus Fleece und dichte Handschuhe trotzten jeder Käte.

Auch mit Zwischenfällen (Krankheiten und dadurch Zwangspausen) muss jeder Sportler rechnen. Man glaubt gar nicht, wie rasch Muskeln oder Kondition abbauen. Kaum zwei oder drei Wochen nichts getan, stellen sich leichte Anfangsanzeichen wie brennende Bronchien, Wadenschmerzen, schnell außer Atem kommen und frühzeitige Erschöpfung ein. Wenn man bedenkt, wie lange man braucht, um seine jeweilige Fitness zu erreichen und wie schnell der Abbau geht, dann ist das mitunter schon frustrierend.

Knieschmerzen, die aus heiterem Himmel Mitte Oktober 2002 anfingen, zwangen mich zu Laufpausen bzw. ich musste dazwischen immer gehen, weil die Schmerzen beim Laufen so arg wurden, dass ich unmöglich hätte weiterlaufen können. Anfangs war ich deprimiert und unglüclich darüber doch ich ließ mich trotzdem nicht irritieren.
Der Orthopäde hat mir erstens eine Kniebandage empfohlen, mit der ich drei Monate später wieder laufen konnte und überwies mich zweitens an eine Magnetresonanz-Untersuchung. Ergebnis: Ich hatte schlicht und ergreifend eine beginnende Abnutzung und das in dem Alter. Der Orthopäde meinte, so etwas hätten viele Menschen, ihnen würde es nur nicht auffallen, weil sie keinen Sport ausübten. Mein Körper hatte sich offenbar noch immer nicht an den Laufsport gewöhnt, also ließ ich ihm Zeit und die Chance, sich damit anzufreunden.

Meerlauf in Velavaru 2003

Was ich im Februar 2003 zum ersten Mal genießen durfte, ist Laufen am Meer und zwar auf einer Malediveninsel mit dem Namen Velavaru. Entweder vor Sonenaufgang oder kurz nach Sonnenuntergang war dies möglich, da die Temperatur nicht unter 29° sank. Der angenehme Wind, das lauwarme Meer, der sandige "weiche Teppichboden", die Meerluft, das waren auch 2004, 2005 und 2006 einmalige Lauferlebnisse.

15. Oktober 2017

Viel Zeit ist seit dem letzten Eintrag vergangen. Ich laufe noch immer, meist zweimal die Woche, zwischen 80 und 95 Minuten. Um möglichst wenig Belastendes am Körper zu tragen, habe ich nur meinen leichten Schlüsselbund im Reißverschluss der Laufhose, ob ich nun eine Jacke darüber an habe oder nicht. Längst ist alles Routine geworden, auch das Training dreimal die Woche im Fitnesscenter. Bald werde ich 53, fühle mich aber nicht so :-). Solange ich kann, werde ich diese sportlichen Tätigkeiten genießen.


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Letztes Update 15. Oktober 2017
© by Burgi Bänder, Wien