Orientierungs- und Mobilitätstraining

Dieser Teil meiner Homepage befasst sich mit dem Orientierungs- und Mobilitätstraining (kurz O&M-Training), wie ich dieses aus Sicht des Schülers empfunden und erlebt habe. Ich werde versuchen zu beschreiben, was ich beim Erlernen des "Gehens mit dem Blindenstock" gefühlt und wie ich verschiedene Techniken aufgenommen habe. Aber auch, inwieweit es mir geholfen hat, heute hilft und wie ich das Gelernte im Alltagsleben einsetzen kann. Doch ich möchte auch auf Sehbehinderung oder völliges Blindsein etwas näher eingehen, um einige Begriffe für jeden Leser - auch für denjenigen, der nichts mit Augenproblemen oder O&M-Training zu tun hat, sich aber doch dafür interressiert - annähernd verständlich zu machen.

Für Blinde oder Sehbehinderte gibt es die Möglichkeit, das Gehen mit dem Blindenstock und auch dem vorhandenen Sehrest zu erlernen. Besonders im Straßenverkehr ergeben sich laufend Probleme und genauso Schwierigkeiten bereitet ein stetig schwindendes Sehvermögen. Diese Schulung nennt sich Orientierungs- und Mobilitätstraining und wird von einem speziell dafür ausgebildeten "Therapeuten" gelehrt. Da das Erlernen der umfangreichen Techniken mehrere Stunden beansprucht, kostet diese Schulung ziemlich viel Geld, welches der Betreffende kaum selbst aufbringen kann. Für Berufstätige gibt es Kostenträger, sucht man hingegen in Pension stehend um dieses Training an, (auch als Frühpensionist, der man ja in diesem Fall nicht freiwillig geworden ist muss man auf die Straße um Besorgungen zu machen) ergeben sich finanzielle Probleme.

Ich sehe zwar auch heute noch relativ gut doch mein Glaukom – das ich von Geburt an habe - ist unberechenbar und es kann schon "morgen" finster um mich sein. Ich möchte mich - so lange ich die Möglichkeit dazu habe - in jeder nur erdenklichen Form auf das Leben im "Dunkeln" vorbereiten. Vom psychischen her ist es sowieso fast unmöglich sich mit dem Tag X zu konfrontieren, aber das Leben geht weiter. Wenn man es lebenswert gestalten möchte ohne stets auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, muss man sich schon des Verstandes wegen darauf einstellen, selbständig sein zu wollen. In den eigenen vier Wänden kommt man wahrscheinlich am ehesten zurecht, aber außer Haus ist das Gehen ohne geeignete Schulung beinahe lebensgefährlich noch dazu inmitten einer Großstadt.

Nach etlichen Formalitäten kam schließlich der O&M-Trainer Milan Malecek in meine Wohnung um sich einen Überblick darüber zu machen, wie gut (oder schlecht) ich sehen würde und wie mobil ich war, um dann festzulegen, mit welchen Techniken er mich konfrontieren würde. Er erkundigte sich auch nach der von Sehenden oft gestellten Frage wie gut ich denn eigentlich noch sehen könne. Darauf eine Antwort zu geben ist echt schwer, in etwa ein Viertel des eines Normalsehenden aber wieviel ist das? Ich kann Ampeln sehen wenn sie nicht zu weit entfernt sind, ein bekanntes Gesicht erkenne ich erst, wenn mir die Person direkt gegenübersteht. Ich kann lesen wenn ich zusätzlich zur Kontaktlinse meine Lesebrille aufsetze und mit der Nase fast am Papier bin. Nach einiger Zeit stand sein Plan, wie er mir am besten helfen konnte mich außer Haus sicher zu bewegen, fest. Die erste Zeit würde ich nur mit Augenbinde gehen, also mit einer Art schwarzen Stoffbrille durch die ich nichts sehen konnte. Sein Vorschlag erschreckte mich, denn eigentlich war ich davon ausgegangen, dass wir ein Low-Vision-Training, also ein Sehbehindertentraining - um das ich angesucht hatte - durchführen. Was sollte ich denn mit einem Training für Vollblinde? Doch er erklärte mir seine Absicht irgendwie einleuchtend wie ich im Nachhinein schließlich feststellen musste. Denn wenn ich erst einmal einen Weg ohne ihn zu sehen "gehen" konnte, dann konnte ich das auch bei Nacht oder im dichtesten Nebel. Trotzdem war mir bei seinem Vorschlag bezüglich der Augenbinde nicht wohl denn ich war sicher, nicht mal bis zur nächsten Straßenecke zu finden, die ja nur wenige Meter vom Hauseingang entfernt lag. So war mir nach zwei Stunden unseres Gespräches klargeworden, dass dieses Training weit schwieriger sein würde, als ich es mir eigentlich vorgestellt hatte und das auch im psychischen Sinn, denn schon jetzt hatte ich Angst vor der Augenbinde. Ich hatte mir das wirklich einfacher vorgestellt: Er würde mir lediglich schwierige Wege zeigen, mir Symbole erklären, ein paar Straßenzüge mit mir durchgehen und nach etwa zehn Stunden kannte ich mich auch dort aus wo ich bis jetzt Probleme gehabt hatte. Statt dessen wollte er schon alleine zwanzig Stunden mit der Augenbinde verbringen und ich sollte dazu auch noch lernen mit einem Langstock umzugehen. Nichts zu sehen und mich nur mit Hilfe eines Stockes zu orientieren, das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich würde das nicht durchhalten, dachte ich zu Beginn, doch ich sollte mich täuschen.

Schließlich war es dann soweit, meine erste Trainingsstunde stand unmittelbar bevor. Am liebsten hätte ich sie allein schon wegen der Augenbinde und dem Langstock auf ewig verschoben, doch Milan kam pünktlich und er hatte den Stock und die schwarze Stoffbrille mitgebracht. Wir gingen aus dem Haus und suchten uns einen ruhigen Spazierweg, der hier am Stadtrand nur wenige Meter entfernt lag, um dort mit den ersten Übungsstunden abseits des Straßenverkehrs beginnen zu können. Er erklärte mir zu allererst - noch bevor ich den Stock in die Hand bekam - den richtigen Umgang damit und wie ich ihn richtig zu halten hatte, um ihn so sinnvoll wie möglich einsetzen zu können. Ich genierte mich, da ging ich in meiner Umgebung mit einem fremden Mann, der mir ständig Anweisungen erteilte, an etlichen Leuten vorbei mit einem für meine Begriffe viel zu langen weißen Stock, der mir im Moment nur im Weg war. Und dieser sollte mir jemals eine Hilfe sein? Ich bezweifelte das. Ich wurde nervös, fühlte mich in Milans Gegenwart befangen, sehr unsicher und lachte oft wohl aus Verlegenheit, weil ich mir so albern vorkam. Am liebsten hätte ich ihm den Stock wieder in die Hand gedrückt und das Training somit beendet noch bevor es richtig begonnen hatte. Er jedoch ließ mir keine Zeit zu weiteren Gedanken, sondern redete immerzu auf mich ein. Er versuchte mir die Wichtigkeit dieses Stocktrainings klarzumachen und schließlich ganz abrupt, setzte er mir die Augenbinde auf und meinte gelassen:
"Los geht’s, versuchs einfach."
Doch ich stand reglos da, denn der lang gefürchtete Moment war jetzt eingetroffen. Es war genauso stockfinster wie ich es mir ausgemalt hatte und mir in manch schlafloser Nacht (die ja auch total dunkel ist) vorstellte. Logisch, wie konnte es anders sein wenn ich die undurchsichtige Brille aufhatte? Milan schubste mich aufmunternd und schon ging oder wohl mehr tappte ich allein ins schwarze Nichts, denn er hatte mich losgelassen. Zu aller Nervosität kam hinzu, dass ich schon nach wenigen Metern nicht mehr feststellen konnte, ob er noch neben mir war und das versetzte mich noch mehr in Angst, denn ich fühlte mich hilflos dem Augenbinden- und Stocktraining ausgeliefert. So hatte ich ständig das Bedürfnis ihn irgendetwas zu fragen, damit ich an seiner Antwort hören konnte, wie nah er noch bei mir war. Doch schließlich ermahnte er mich freundlich, nicht so viel zu reden, sondern mich mehr nach dem Gehör und mit Hilfe des Stockes auf den Weg zu konzentrieren. Er versicherte mir - um mich zu beruhigen - dass er mich keine Sekunde aus den Augen lassen würde. So stapfte ich weiter, mit der Zeit allerdings leicht in die Knie gehend und wie ein Betrunkener mal links oder rechts an den Wegrand wankend. Ich verlor dadurch und auch durchs ziemlich langsame Gehen fast das Gleichgewicht und die Orientierung. Mal torkelte ich mitten am Weg dahin, dann geriet ich auf die Wiese - ich kam mir so dumm, ausgeliefert und beobachtet vor. Es war stockdunkel um mich und das am helllichten Tag, wo die Sonne in mein Gesicht schien. Die unendliche Weite und Freiheit, die mir soeben bewusst wurde, weil sie mir im Moment so sehr fehlte und welche man mit einem bloßen Blick erfassen konnte, wurde von einem beengenden Gefühl abgelöst, ständig gegen ein Hindernis zu stoßen oder einfach ins Nichts zu gehen. Auf einmal übermannte mich Panik weil es schon "so lange" unheimlich finster um mich war und ich riss mir die Augenbinde vom Kopf.
"Nein aus, ich kann nicht mehr, es ist schrecklich so gar nichts zu sehen! Wozu soll ich auch lernen die Wege blind zu bewältigen, ich kann ja noch sehen wenngleich auch nicht besonders gut. Doch jeder und wenn noch so kleine Sehrest ist immer noch besser als gar nichts"
Milan hörte mir zu, doch ich bekam nicht die Antwort, die ich eigentlich erwartet hatte. Er zeigte zwar Verständnis für meine Ängste, aber kein Mitleid und schon gar keine Gnade sondern lächelte. Doch er lachte mich nicht aus, das sah ich einfach an seinem Gesicht, sein Lachen war mitfühlend und wohl wissend, wie es mir momentan ging.
"Gehen wir ein Stück ohne die Brille, aber glaub mir, du schaffst das schon, du musst nur ein wenig mehr Geduld mit dir selbst haben. Dieses Training mit Stock und Augebinde ist wichtig, auch wenn du jetzt noch sehen kannst. Doch Niemand weiß wie lange noch und wenn du erst einmal die Wege ohne sie zu sehen gehen kannst, dann gibt es für dich - ob Regen oder Nacht - kaum Probleme."
Seine Worte klangen so ruhig und für meinen Verstand ja auch irgendwie logisch. Auch schien er überzeugt von dem was er sagte und das beruhigte meine momentan aufgekratzten Nerven ein wenig. Er drängte mich nicht und redete viel mit mir wohl um mich abzulenken. Während dieses Gespräches fiel mir wieder ein, dass er mir zu Beginn unseres Kennenlernens ja erzählt hatte, dass er auch Heilpädagoge und Psychotherapeut sei. Bestimmt spürte er deshalb so deutlich meine Unsicherheit und dass ich mir albern vorkam, so unbeholfen und nervös neben ihm zu gehen. Der Stock, den ich während unserer für mich entspannenden Unterhaltung immer noch in der Hand hielt, war mir im Weg denn ich wusste nicht, wie ich ihn während unseres Spazierganges halten sollte. Am liebsten hätte ich ihn in die Büsche geworfen. Außerdem hatte ich das ungute Gefühl, dass mich jeder Vorübergehende betrachtete, weil ich einen Blindenstock wie einen Stab in der Hand hielt und schnellen Schrittes einfach nur neben Milan herging ohne bei ihm eingehängt zu sein. Man sah mir ja nicht an dass ich sehbehindert war, denn für die Allgemeinbevölkerung hatte man als geouteter Blinder eine schwarze Brille auf oder eben die Augen in einer solchen Stellung, dass jeder Zweifel, damit sehen zu können, ausgeschlossen war.

"Versuchen wirs nochmal."
Erneut riss er mich aus meinen Gedanken, setzte mir wieder die Augenbinde auf und zeigte mir nochmal, wie ich den Stock richtig zu halten hatte. Diesmal sprach er intensiver mit mir und sagte mir, ob ich mich links- oder rechtshalten musste, damit ich nicht ständig vom Weg abkam. So ging ich zwanzig Minuten, ohne dass mir der Zeitbegriff richtig bewusst geworden war. Ich konzentrierte mich so auf seine lehrreichen Worte, auf die Vielzahl von Geräuschen rund um mich - die mir bisher noch gar nie so aufgefallen waren - und ich spürte sogar mit den Füßen, ob ich am Asphalt ging oder die Wiese berührte, bisher hatte ich stets rein optisch darauf geachtet. Ich versuchte deshalb gezielt gerade zu gehen, um am Weg zu bleiben und beschleunigte aus diesem Grund meinen Schritt, denn im schnelleren Gehen lässt sich das Gleichgewicht leichter kontrollieren und vor allem halten. Ich versuchte auch direkt krampfhaft den Stock in richtiger Position zu behalten und lernte noch dazu in diesen Minuten, ihn im Schrittrhythmus einmal links und rechts am Boden aufklicken zu lassen. So konnte ich am Widerhall hören, wie nah ich mich an einer Mauer oder in diesem Falle einem Zaun befand. Ich vergaß in meinen Bemühungen, ja alles richtig zu machen, komplett, dass mich noch vor wenigen Minuten extreme Panikgefühle beherrscht hatten. Ich war jetzt einfach nur damit beschäftigt, Milan zuzuhören und genau das zu tun, was er vorschlug. Schließlich nahm er mir die Augenbinde ab, weil ihm aufgefallen war, wie meine Konzentration vor Anstrengung in den letzten Minuten nachgelassen hatte. In diesem Moment blendete mich die Sonne total und mir war vor Aufregung heiß. Jetzt, nach fast einer halben Stunde Finsternis wieder sehen zu können, löste in mir ein bisher ungekanntes Glücksgefühl aus.

Warum war ich aber auch bloß so sensibel und nervös? Aber wovor hatte ich eigentlich Angst? Milan hatte mir doch versprochen, mich keine Sekunde aus den Augen zu lassen und ich konnte mich auf ihn verlassen und seinen Lehrmethoden vertrauen, wie ich heute festgestellt hatte. Er war mir nicht nur als Trainer, sondern auch als Mensch sympathisch geworden und das sollte mich doch eigentlich beruhigen. Ich musste des Verstandes wegen durch diese Stunden, immerhin konnten sie mir nur nützlich sein, niemals jedoch schaden. Auch wenn ich mich jetzt unbehaglich, aufgeregt und ängstlich fühlte, ich musste mich überwinden, Augenbinde und Stock zu akzeptieren.

Zwei Tage später wiederholten wir unseren Spaziergang unter den selben Bedingungen, gingen aber diesmal auch den Gehsteig meiner Häuserfront entlang.
"Entschuldigung, sehen sie gar nichts mehr?"
Diese plötzlich lauten Worte an meinem Ohr rissen mich aus meiner Konzentration. Ich blieb stehen und nahm mir in Reflexhandlung die Augenbinde vom Kopf. Vor mir stand ein Nachbar aus der Nebenstiege und betrachtete mich neugierig, aber auch mitfühlend. Ich räusperte mich etwas verlegen:
"Oja, ein wenig schon noch."
Ich wollte nicht näher antworten und schickte mich aus diesem Grunde an, mein Training fortzusetzen.
"Wird das schlimmer?"
fuhr er ergriffen fort und hielt mich erneut an. Ich blieb ziemlich unentschlossen stehen und suchte nach einem passenden abschließenden Satz:
"Ja ich denke schon, deshalb übe ich auch das Gehen mit dem Blindenstock."
"Ist das schwer?"
Er musterte mich intensiv und gerade als ich schon etwas nervös werdend versuchte, erneut nach einer Antwort zu suchen, ergriff Milan das Wort:
"Es ist nicht leicht, deshalb lernt sie es ja auch, aber bitte entschuldigen sie, wir müssen jetzt weitergehen."
Ich sah ihn dankbar an, denn er hatte das in meinen Augen schon etwas peinlich werdende Gespräch beendet. Ich setzte die Augenbinde wieder auf und übte weiter das Gehen am Gehsteig.

Die kommende Trainingsstunde schlug Milan vor, eine Straße zu überqueren da er fand, dass ich mich nun so halbwegs an die Augenbinde gewöhnt hatte, was ja stimmte. Bloß mit dem Stock konnte ich mich einfach nicht richtig anfreunden, denn dieser war mir nach wie vor im Weg. Bei dem Gedanken, mich durch fahrende Autos auf die gegenüberliegende Gehsteigseite zu "schlagen" überkam mich wieder Angst. Ich konnte beim Hinübergehen wegen der Augenbinde ja nichts sehen, da würde mich doch zwangsläufig ein Gefährt überfahren? Erschreckend war diese Vorstellung und ließ mir kalte Schauer über den Rücken rieseln. So stand ich also am Gehsteig, und ging strikt nach seiner Anweisung mittels Pendelgleittechnik bis zur Gehsteigkante. Darunter - also am Straßenrand - machte ich mit dem Stock einen Bogen in Halbkreisform um sicherzugehen, dass ich in kein parkendes Auto geraten würde. Bei schräg parkenden Autos sollte ich, je nach Einbahn, bis zum äußerst stehenden Auto gehen, um von den Fahrzeuglenkern auf der Straße gesehen zu werden. Ich musste mich ab jetzt stets vor jeder Straßenüberquerung "ausrichten", wie dieser Vorgang bezeichnet wird, denn nur so konnte ich sicher sein, einigermaßen gerade über die Fahrbahn zu kommen. Da stand ich nun also am Gehsteig, bereit die Straße zu überqueren und versuchte nur nach dem Gehör zu urteilen, ob und wann ich losgehen könnte. Doch es wurde einfach nie ruhig genug, sodass ich mich überwinden hätte können hinüberzugehen. Immerzu hörte ich Motorgeräusche, mal laut dann wieder leiser, mal nahe, dann weiter entfernt doch nie aufhörend. Ich stand einfach nur endlos lange da und wagte es nicht zu gehen. Hilfesuchend blickte ich in Milans Richtung, ich konnte ihn ja nicht sehen doch ich wusste, dass er links neben mir stand.
"Lass dir Zeit und hör einfach nur hin. Du musst lernen die Entfernung der Autos rein akustisch abzuschätzen z.B.:
Wie weit sind die Motorgeräusche entfernt?
Geht es sich aus, dass ich die Fahrbahn jetzt überqueren kann?"
Ich war so froh, dass er in dieser, für mich beängstigenden Situation, dicht neben mir stand und so geduldig und einfühlsam mit mir sprach. Ich hörte lange konzentriert hin und meinte schließlich vorsichtig:
"Jetzt würde ich gehen."
"Okay, dann lass uns gehen."
Schon marschierte ich über die Fahrbahn ohne - wie ich mir schon schrecklich ausgemalt hatte - überfahren worden zu sein. Ich kam sogar, dank des ausrichtens, ziemlich gerade. Knapp vor dem gegenüberliegenden Gehsteig machte ich am Randstein wieder den obligaten Halbkreis. Es konnte ja sein dass eine Stange oder ein Hydrant vor mir war und gegen dieses Hindernis würde ich dann stoßen, ginge ich einfach ohne "zu tasten" auf den Gehsteig hinauf.
So überquerte ich mindestens fünfmal diese Straße und sagte mir während dessen in Gedanken immer wieder vor, was ich an bisher Gelerntem anzuwenden hatte.

Das nächste Mal wollte mir Milan zeigen, wie man als blinder Mensch am besten das Treppensteigen, ob nun hinauf oder hinuter, bewältigen konnte ohne zu Sturz zu kommen. Ich übte natürlich wie immer mit Augenbinde und dem Langstock. Die Stufen ansich stellten ja kein größeres Problem dar, aber sie zu finden und nicht zu stolpern war schon weitaus schwieriger. Da in meiner unmittelbaren Wohngegend kein geeigneter Treppenauf- bzw. Abgang zu finden war, fuhren wir mit dem Autobus zur Zugstation, wo jede Menge an Stufen vorhanden waren.
Ich registrierte mit wachsendem Unwohlbefinden, wie ich neugierig beobachtet wurde, als ich mit dem Stock in das öffentliche Verkehrsmittel einstieg. Es kam mir vor, als wollten die Leute jede meiner Bewegungen fixieren um zu sehen, wie ich mich bewegte. Sie sahen mich teilweise ungeniert an, wie ich mich mit Milan unterhielt, dem diese Eindrücke wohl schon zur Gewohnheit geworden waren, da er sich zwanglos benahm, während ich durch die auf mich gerichteten Augen immer nervöser wurde. Nun gut, er war mit mehreren "Blinden" auf den Straßen unterwegs, die bestimmt auch angestarrt wurden, oder bemerkte er dieses intensive Beobachten etwa gar nicht - oder deshalb nicht - weil ich es mir vielleicht nur einbildete? Wohl darum betrachtete ich meinen Blindenstock immer noch als Feind, weil er die Aufmerksamkeit auf sich zog und man quasi als Blinder und somit auch als Außenseiter ungewollt im Mittelpunkt des Geschehens steht. Das nervte mich mehr als es sollte, denn sich einfach nichts daraus zu machen war leicht gesagt. Als wirklich Blinder sieht man ja nicht, wie einen die Leute anschauen, doch mit einem Sehrest ist man der Vielzahl von Augen regelrecht ausgeliefert, die überall sind. Ich will nichts weiter als genauso ungeachtet wie jeder andere meines Weges gehen und unbeobachtet mit der Masse mitschwimmen.

Zurück zu den Treppen und zum eigentlichen O&M-Training. Nachdem wir aus dem Autobus ausgestiegen waren, setzte ich, wie stets vor dem Training, die schwarze Brille auf und hörte erst zu, was Milan mir in punkto stiegensteigen erklärte. Daraufhin ging ich mit Pendelgleittechnik bis zum Stufenanfang, die zuerst hinaufgingen. An der Kante der ersten Stufe schwenkte ich den Stock einmal links dann rechts, damit ich die Höhe der Treppen erfassen konnte und auch gerade stand, um nicht schief hinaufzugehen und so ins Abseits zu geraten. Diese Technik wird ebenso als Ausrichten bezeichnet. Dann musste ich mit relativ ausgestrecktem rechten Arm hinaufgehen, wobei der Stock jede Stufe kurz antippt. War ich oben, schwang er ins Leere. Beim Hinuntergehen richtete ich mich vor der ersten Stufe aus, ließ den rechten Arm in Oberschenkelhöhe absinken und ging hinunter, wobei der Stock bei jeder Treppe kurz aufklickte. War ich unten, glitt er über den Asphalt. Wir übten das eine halbe Stunde lang, denn ich hatte große Mühe, mir diese Treppensteigtechnik zu merken. Oft hielt ich den Stock falsch, wurde inmitten der Stufen unsicher, weil ich das Gefühl hatte, doch eigentlich schon längst oben oder unten sein zu müssen. Aber ich ging bloß wegen der Augenbinde so langsam, dass mir das hinauf- oder hinuntergehen endlos vorkam, während ich ja sonst - mit meinem für mich noch guten Sehrest - meist lief. Die einfahrenden Züge machten einen Lärm, die aussteigenden Leute eilten die Treppen hinunter, jene, welche die Schnellbahn noch erwischen wollten, sausten an mir vorbei hinauf. Ich hörte nur klappernde Schuhe, laufende Schritte aber nicht mehr, wohin ich eigentlich zu gehen hatte und auch nicht mehr den aufklickenden Stock, der mir doch bei der Orientierung half. Ich traute mich in diesem hektischen Getümmel kaum weiterzugehen aus Angst, von dem Schwall Menschen mitgeschliffen zu werden. Wenigstens konnte ich durch die Augenbinde keinen ihrer vielleicht wütenden Blicke sehen, weil ich ihnen womöglich zu langsam ging und dadurch im Wege stand. Ich denke, dass die vielen Menschen einen wirklich Blinden nicht so viel ausmachen wie einen Sehbehinderten, weil er deren Blicke nicht sehen kann. Ihm ist es wahrscheinlich leichter möglich, sich auf seinen Weg zu konzentrieren. Ich musste diesbezüglich noch sehr viel lernen besonders, positiv zu denken. Ich musste versuchen abzuschalten, mich nur auf mich und meinen Weg zu konzentrieren, die Leute eilen, schauen oder sonst was tun lassen und sie nicht beachten. Ich durfte nicht jedesmal stehenbleiben, wenn ich mich durch irgendein Nebengeräusch oder Menschengetümmel irritiert fühlte, sonst würde ich letzten Endes auf der Strecke bleiben. Doch alle diese, für mich noch störenden Dinge zu ignorieren, war gar nicht so einfach, weil ich doch selbst einer der Beobachtenden bin. Ich sehe mir meine Umgebung und auch die Menschen sehr genau an, sofern das mein Sehrest zulässt. Wie durfte ich da von anderen erwarten nicht so zu schauen, wenn selbst ich nicht wegsehen konnte, beobachtete ich, wie sich ein Rollstuhlfahrer in den Lift hinein mühte. Vielleicht kamen mir diese Eindrücke aber auch nur deshalb so nervend vor, weil mir der optische Sinn wegen der Augenbinde so sehr fehlte und ich nur hören konnte. Daduch hatte ich öfter das Gefühl einer totalen Reizüberflutung. In meinem dadurch entstandenen innerlichen Stress empfand ich viele alltägliche Geschehnisse, die mir sonst nie auffielen, negativ so wie auch die Menschen, die es aber nicht waren. Ich strahlte diese Hektik aus, weil ich mich mit Stock und nur meinem Gehör oft überfordert fühlte.

Zukünftig trafen wir uns alle zweiten Tage, um nicht zu lange Pausen zwischen den einzelnen Trainingseinheiten einlegen zu müssen, damit ich das Gelernte auch behielt und immer wieder auffrischen konnte bzw. etwas Neues dazulernte. Diesmal befassten wir uns mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, natürlich wieder mit Augenbinde und Langstock. Ich stellte dabei fest, dass sich nur mittels Hören erkennen lässt, ob eine Niederflur- oder eine Straßenbahn mit Stufen einfährt, weil das Geräusch der E-Motoren unterschiedlich klingt. An manchen U-Bahnsteigen wurden Leitlinien auf den Boden geklebt. Sie befinden sich großteils in der Mitte des Bahnsteiges, sind aber oftmals grau wie dessen Asphalt und darum für Sehbehinderte nicht so geeignet, da sie sehr schwer auszumachen sind. Für Blinde ergibt sich das Problem des Ertastens, wie ich jetzt mit dem Stock selbst feststellen musste. Meist sind nämlich diese Leitlinien aus einem dünnen Material und heben sich kaum vom übrigen Untergrund ab. Mit Schuhsohlen sind sie fast gar nicht zu fühlen, mit dem Stock bedarf es an Konzentration und Geschicklichkeit. Diese Leitlinien dienen dazu, dass man gerade am Bahnsteig geht, um nicht zu nahe an die U-Bahn-Geleise zu geraten. Diesmal fand ich das Gehen mit der Augenbinde sogar irgendwie interessant - sonst war es anstrengend - weil ich jetzt selbst erfahren konnte, von welchen Problemen in Blindenkreisen gesprochen wird. Aber auch, weil ich mir inzwischen total sicher war, dass Milan stets auf mich aufpasste. Ich vertraute ihm diesbezüglich hunderprozentig und traute mich darum auch flotter zu gehen und mehr von mir aus zu erforschen. Ich konnte mich auf ihn verlassen, denn er hielt mich sofort zurück, wenn ich in eine gefährliche Lage kam.

Milan und ich beim Mobitraining

Noch am selben Tag begaben wir uns zu den Rolltreppen, wobei man als Blinder ja nicht erkennen kann, ob diese hinauf- oder hinunterfahren. Das zu unterscheiden sei aber auch kein größeres Problem, wie mir Milan erklärte und er sollte recht behalten. Minuten später standen wir vor einer fahrenden Treppe und er legte meine Hand auf das rechte gummibeschichtete Geländer. Nur so konnte ich wissen, ob diese in Fahrt- oder Gegenrichtung lief. Ob sie nun hinauf- oder hinunterfährt, hört man meistens am Widerhall, wenn man kurz davor mit dem Stock aufklickt. Bei den Aufzügen musste ich allerdings feststellen, dass mir deren Beschriftung nicht besonders gut gefiel. Erstens konnte man die Mittelsäule, die man benötigt um den Lift zu holen, nur sehr schwer finden und zweitens: Obwohl viele Aufzüge schon in Blindenschrift anzeigen wohin sie fahren, sind die Punkte nur sehr schwer zu ertasten, weil sie sich kaum vom Untergrund abheben. Etwas besser wären erhabene größere Pfeile oder Ziffern. Wenn diese nun noch eine bunte Farbe hätten, wären sie auch für Sehbehinderte gut auszumachen. Mit Milan fand ich das Erkunden öffentlicher Einrichtungen geradezu interessant aber alleine, noch dazu mit Augenbinde und Stock zu gehen, würde ichs mir niemals zutrauen. Schon bei den Rolltreppen hätte ich, wie einst bei den Stufen, Schwierigkeiten mit den vielen Menschen, an die ich mich (mit Augenbinde) erst gewöhnen musste. Bei den Liften ist meist ein Gedränge, da kommt man in Stoßzeiten oft gar nicht dazu, diesen zu benutzen. Zu leicht verliere ich - wenn es laut um mich ist - die Orientierung und noch schwieriger wird es, wenn mich Jemand wortlos ein Stück mitnimmt und dann einfach wieder auslässt, was zum Glück nicht oft vorkommt, da mich die meisten Menschen erst ansprechen. Ich habe meinen Weg und meine "Ideallinie" zu gehen gelernt und nach dieser orientiere ich mich. Werde ich wortlos ein Stück mitgenommen, bin ich etwas irritiert und muss längere Zeit hinhören, wo ich jetzt bin. Besser wäre, wenn mich der Helfende anspricht, fragt ob ich Hilfe brauche und wo ich denn hinmöchte. Er sollte mich bei sich einhängen lassen, damit ich an seinen Bewegungen spüre, ob eine Stufe etc. kommt und mir sagen, wo er mich wieder auslässt, um seine eigenen Wege zu gehen. Schon allein wenn Jemand nichts sagt, erschrickt man bei dessen Berührung, da man nicht damit rechnet und weil man die Person ja nicht sieht. Zum Thema richtiges Helfen gibt es im ÖBSV eine Broschüre mit dem Titel "Helfen aber wie?" die recht interessant und humorvoll geschrieben ist.

Die restliche Hälfte der Trainingsstunden wollten wir so gestalten, dass ich auch in für mich fremden Gegenden zurechtkommen konnte teils mit, aber auch ohne Augenbinde doch selbstverständlich immer mit Langstock. Am schwierigsten gestaltete sich in den kommenden Stunden, wie schon einst, das Straßenüberqueren. Ich hatte trotz des Ausrichtens oft Probleme, gerade über die Straße zu kommen, nur all zu oft kam ich schief. Mir fehlte genau in solchen Situationen sehr der optische Sinn, da mir der Bezug zwischen Körperhaltung und Straße fehlte. Ich konnte zwar zeigen in welche Richtung ich zu gehen hatte, kam dann aber trotzdem manchmal abseits. Doch dieses ausrichten bedürfe nur intensiveren Übens, wie mir Milan versicherte. Auch hatte ich Probleme mit Kreuzungen, wo eine oder mehrere Ampeln hintereinander den Verkehr regeln, Milan nannte sie Ein- Zwei- oder Dreiphasenampeln. Ich konnte diese Übergänge nicht mittels rot oder grün - also optsich wie bisher - benutzen, sondern musste mich wegen der Augenbinde rein auf das Gehör verlassen. Da gibt es einmal den Längs- und den Querverkehr. Der Querverkehr fährt von links nach rechts oder umgekehrt, aber auch in beide Richtungen, d.h. für mich ist es auf alle Fälle rot. Der Längsverkehr fährt von rückwärts nach vor, oder umgekehrt, aber auch in beide Richtungen. In den meisten Fällen ist es dann für mich grün und ich kann mit ihm "mitgehen." Doch das wäre zu einfach und so gibt es auch hier Ausnahmen wie:
einbiegende Autos, die ziemlich irritieren,
Straßenbahnen mit eigenen Ampelanlagen, die sich weder nach dem Längs- oder Querverkehr richten
und natürlich Einsatzfahrzeuge, die ja keine Ampeln berücksichtigen können. Am besten hört man auch hin, ob mehrere Leute die Straße passieren, denn einer allein geht manchmal leider auch bei rot. Sehr schwer ist, wie schon erwähnt, gerade über die Straße zu kommen. Zu leicht gerät man schräg, denn Zebrastreifen sind nur rein optisch wahrnehmbar, nicht aber tastbar und der Lärm irritiert manchmal so, dass man die Orientierung verlieren kann. Was mir jedoch sehr positiv aufgefallen ist: Manche Ampeln sind bereits akustisch ausgerüstet, das erleichtert zum einen das finden der gesicherten Straßenübergänge und zum anderen das gerade überqueren, da man ja auch das gegenüberliegende Signal hört, sofern das der Motorlärm zulässt. Seit neuestem gibt es jedoch - wenn auch im Moment noch vereinzelt - lärmgesteuerte Ampelanlangen, je lauter der Verkehr desto lauter der Ton oder das Ticken. In manchen Städten hängt an beinahe jeder Ampelstange ein grelloranges - somit auch für Sehbhinderte gut sichtbares - Kästchen, an dessen Unterseite man durch einen vibrierenden Pfeil ertasten kann, ob die Ampel rot oder grün ist. Der einzige Nachteil besteht darin, dass ein Blinder diese Stange erst finden muss, um sie benützen zu können.

Mittlerweile hatte ich dank stundenlanger Erfahrung (durch die schwarze Brille) endlich gelernt, während des Trainings den optischen Sinn auszuschalten und nur nach Gehör und der Langstocktechnik zu gehen, was mir anfangs ungeheuer schwergefallen war. Ich war immer wieder dazu geneigt, die Augenbinde in Angstsituationen abzunehmen, um das jeweilige Geschehen einsehen zu können. Doch das war nicht korrekt, da ein Vollblinder diese Möglichkeit ja auch nicht hat und ich schließlich lernen sollte, und nun auch wollte, Wege unter für mich schwierigsten Bedingungen gehen zu können. Doch diesmal konnte ich mich trotz all meiner Bemühungen absolut nicht orientieren, denn in dem großen Bahnhofsgebäude - das wir erarbeiten wollten - hallte es schrecklich. Züge, viele Menschen oder Lärm durch Verkaufsstände, all diese Geräusche prallten direkt hart aufeinander. So konnte ich weder Auf- bzw. Abgänge noch Rolltreppen am Widerhall (wenn ich mit dem Stock am Boden aufklickte) hören. So sehr ich mich in meiner aufsteigenden Verzweiflung auch bemühte, ich fand mich in diesem Gewirr von Lärm einfach nicht zurecht. Die grauenhafte Akustik zerrte fürchterlich an meinen Nerven und ich riss mir schließlich die Augenbinde vom Kopf.
"Sich hier zurechtzufinden ist ganz und gar unmöglich, das schaffe ich einfach nicht."
Doch diesmal lächelte Milan nicht, er versuchte irgendwie nach Orientierungsmöglichkeiten zu suchen, denn offenbar hatte er sich diese Trainingsphase etwas anders vorgestellt. Bald darauf versuchten wir es nochmal, diesmal aber mit Abzählen der Schritte, damit ich möglicherweise so von einem zum anderen Ausgangspunkt finden konnte. Doch man geht jedesmal ein wenig anders. Mal kommt man leicht links oder rechts, dann versucht man den am Boden liegenden Zeitungen des Kolporteurs auszuweichen, wobei sich natürlich die Schrittfolge verändert, jedenfalls erwischte ich nie den gesuchten Gang.
"Nein so geht das nicht, es ist einfach nicht möglich, in einer solchen "Riesenhalle" zurechtzukommen."
Ich hatte nach eineinhalb Stunden einfach genug vom mörderischen Lärm. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt und ich fühlte mich erschöpft. Milan nahm mich sachte an den Schultern.
"Komm schon, geh nochmal, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man sich als Blinder in einer großen Halle nicht orientieren kann."
Ich atmete tief durch, da kam mir eine Idee. Ich nahm kurzentschlossen die Augenbinde ab, hielt sie ihm samt dem Stock hin und meinte stolz über meinen spontanen Einfall:
"Nun, dann versuch es doch."
Er sah mich etwas irritiert an, doch Minuten später war die Situation umgekehrt. Er ging vor mir mit schwarzer Brille und meinem Langstock und ich passte, so gut ich konnte, auf ihn auf. Aber ich sagte nichts, ließ ihn einfach gehen, obwohl er schon nach wenigen Metern völlig falsch gekommen war. Die Leute betrachteten uns neugierig, sie wussten ja nicht, was wir da eigentlich machten. Schließlich war er dicht davor, in eine Mauer zu laufen, doch weil er selbst während seiner Ausbildung üben musste, mit Augenbinde und Stock zu trainieren, konnte er rechtzeitig abbremsen. Da nahm auch er die Stroffbrille ab und schüttelte enttäuscht den Kopf.
"Ich denke es ist wirklich nicht zu machen, du hast recht. Naja, ein bißchen kannst du ja noch sehen, und die Beleuchtung ist im allgemeinen in den Hallen recht hell. Du wirst dich also dank dieser beiden Hilfen zumindest die nächste Zeit noch relativ gut zurechtfinden können. Ich muss echt sagen, dass ich mir das Gehen auf so großen Flächen leichter vorgestellt habe. Tja man lernt offenbar nie aus und das ist auch gut so."

Das jetzt noch einzige Hindernis (während der Dämmerung oder Dunkelheit) waren die entgegenkommenden Autos, denn die Scheinwerfer blenden mich derart, dass ich stets achtgeben muss, nicht die Orientierung zu verlieren. Durch das starke Blendungsempfinden, welches bei mir die Folge des grünen Stars ist, sehe ich oft nur grelle Lichter und rundherum verschmilzt die Umgebung zu einem undefinierbaren Nichts. Zu leicht komme ich deshalb am Gehsteig schief und laufe somit Gefahr, auf die Fahrbahn zu geraten. In solchen Situationen, und besonders im Winter, habe ich mir angewöhnt, eine Schirmmütze aufzusetzen, die mir nicht nur als Schutz vor Regen oder Kälte dient, ich kann sie außerdem beliebig weit ins Gesicht ziehen und dadurch blendenden Lichtern ausweichen. Was ich mir während des Trainings allerdings für den kommenden Winter vorgenommen habe: Ich werde mit einem Blindenstock gehen, auch wenn ich mir das derzeit noch nicht so recht vorstellen kann, weil ich immer noch so empfinde, dass ich durch ihn als "Behinderter", also als Mensch einer Randgruppe angesehen werde. Aber wohl auch deshalb, weil ich mit diesem Hilfsmittel noch immer nicht so richtig umgehen kann, es ist mir nach wie vor öfter im Weg. Doch erstens gehe ich meinem Handicap entsprechend gekennzeichnet, wodurch "fast" Jeder weiß, dass ich Augenprobleme habe und sich danach verhalten kann. Und zweitens werde ich vielleicht noch lernen, den Stock so sinnvoll wie möglich einzusetzen und ihn auch als Hilfsmittel zu akzeptieren. Milan und ich sind nach wie vor in Kontakt und gute Freunde geworden. Ich kann ihn auch jetzt noch jederzeit auf privatem Weg um Hilfe bitten und er wird in Punkto Mobilitätstraining unentgeltich für mich dasein was ich ganz besonders schätze.

Orientierungs- und Mobilitätstraining
Milan Malecek hat eine eigene Homepage für den Klienten gestaltet


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Geschrieben am 14. Juni 2001
Überarbeitet am 13. März 2006
Copyright by Nothburga Bänder, vormals Karnutsch, Wien