Abschied von meinem langjährigen Betreuer Otmar Fellner

Wir begegneten uns das erste Mal im Dezember 1990, als er uns als Trainer vom Behindertensport vorgestellt wurde. Es war ein witziger Zufall, dass wir damals beide beim Bundesheer arbeiteten, jedoch in verschiedenen Kasernen und Positionen tätig waren, er war Vizeleutnant, ich Telefonistin. Durch diesen Umstand hatten wir von Beginn an ein gemeinsames Gesprächsthema, welches uns das Kennerlernen erleichterte. Ich war den "Bundesheertonfall", den er ab und zu anwendete, gewohnt, zumindest konnte ich damit ohne Probleme bzw. mit Humor umgehen. Andere Schützen hatten da so manchmal Probleme mit ihm. Wir trainierten regelmäßig und wurden uns auch durch diese zusätzliche Gemeinsamkeit "Trainer-Schütze" vertrauter. Anfangs fiel es ihm schwer, mit sehbehinderten bzw. blinden Menschen zurecht zu kommen. Er wusste nicht wie uns führen, wie uns was ansagen bzw. beschreiben. Begriffe wie: "dort, da, Achtung, Vorsicht, hier steht dies, da steht das" gehörten genauso zu seiner uns gegenüber unsicheren Ausdrucksform, wie das bei so vielen Normalsehenden der Fall ist. Doch mit der Zeit lebte er sich ein und entwickelte direkt gute Ideen, was den Schießsport anging. So wurde er schließlich zum Nationaltrainer vorgeschlagen und gewählt.

In den folgenden Jahren fuhren wir zu vielen Wettkämpfen und erreichten einige Gold, Silber- und Bronzemedaillen. Gemeinsam übten wir für die internationale Disziplin "stehend frei" in der ich lange Zeit die einzige sehbehinderte/blinde Frau in Österreich war. Im Schießsport gibt es keinen Unterschied zwischen blind und sehbehindert, weil man ja sowieso nach Gehör schießt und den Sehrest nicht nutzen kann. Auch die Vorlage für die Luftpistolenscheibe ist großteils sein Verdienst, wie auch die Stromversorgung mittels Batterie.

Otmar und ich bei einer Staatsmeisterschaft

Wir wuchsen als Team immer enger zusammen und intensivierten das Training, als wir erfuhren, dass wir zur 1. Europameisterschaft für sehgeschädigte Menschen geschickt wurden.

Der größte Triumph war der Doppelsieg bei dieser Europameisterschaft, allerdings auch der Letzte mit ihm.

Doppelsieg bei der Europameisterschaft

Die darauffolgenden Monate wurden wir von sportlichen Niederlagen heimgesucht. Der Erwartungsdruck von außen war für uns beide zu hoch. Er zerrte an unseren Nerven, doch das realisierten wir erst später, zu spät für uns. Viele Menschen unterliegen dem Irrglauben, dass wenn man lange Zeit erfolgreich ist, man selbstverständlich auch zukünftig Alles gewinnen muss. Sätze wie: "Du machst das eh mit Links. Du packst das locker mit Deinen Stahlnerven" etc. sind zwar gut gemeint und sollen durch ihren Humor aufbauen, doch meist sind sie oberflächlich dahergesagt und bewirken das Gegenteil. Man versucht als Sportler seinem guten Ruf gerecht zu werden, aber genau das stürzt einen mitunter oft in ein großes Tief. Dadurch entstehen dann recht rasch Unsicherheiten und Selbstzweifel, Resignation und Verzweiflung. Die Freude am einst so geliebten Sport schwindet und das Training ist mühsam und frustrierend, sowohl für den Trainer als auch für den Schützen.
Dann kommen sie, die gutgemeinten Rat"schläge":
"Mach dir nichts draus, wirst sehen, bald bist wieder oben auf.
Aufgeben tut man höchstens einen Brief.
Und nervende Fragen, auch wenn sie Anteilnahme signalisieren:
"Hast Du vielleicht private Probleme?
Kommst Du mit Otmar nicht mehr zurecht...?"
Man möchte in der Situation, wo man eh selbst nach Gründen sucht, einfach lieber in Ruhe gelassen werden, doch genau die hat man nicht. Otmar und ich gerieten durch ständige Einmischungen aller Art in eine Stresssituation, die das Tief noch verstärkte. Wir spürten bei zukünftigen Bewerben, dass Sieger gefeiert und Verlierer abseits stehen, eine bittere Pille, die wir offenbar nicht verdauen konnten. Das Scheitern unseres Teams war vorprogrammiert und nur noch eine Frage der Zeit, das spürten wir beide.

Eines Tages teilte er mir mit, er wolle mit dem Training aufhören und das tat er dann auch.
Es dauerte lange, dass ich nicht mehr automatisch nach rechts schaute und hörte, wo Otmar jahrelang stand und mir durch seine Anwesenheit Sicherheit vermittelte.

Für mich gab es nun zwei Varianten:
Entweder mit dem Schießsport aufzuhören oder einen totalen Neubeginn zu starten. Ich entschloss mich für Letzteres, denn das Luftgewehrschießen machte mir, bis auf die Monate des Tiefs, immer Freude und daran wird sich auch nichts ändern. Wo ich mich bisher 100 %ig auf Otmar verlassen konnte, war nun meine Selbständigkeit gefordert. Das war eine enorme Umstellung, denn Otmar stellte das Gewehr ein, wechselte Scheiben und Kartuschen, die er auch stets füllte. Er kümmerte sich um die Nummerierung der Wettkampfscheiben, die Vorlagen der Luftpistolenscheiben, Munition, Reservekopfhörer, -batterien, -kartuschen und vieles mehr. Er war stets an meiner Seite, begleitete mich überall hin, zeigte mir dies und jenes, waren wir auf Reisen, und kümmerte sich auch um andere blinde Schützen. Inzwischen konnte er gezielt formulieren: "Links steht das Glas, Stufe runter, Stange rechts, 20 m vor Dir...".
Abschied - immer ein schmerzliches Ende und er fehlte nicht nur mir, jedoch mir am meisten!
Geichzeitig ist so ein Ende aber auch ein Neuanfang, aus dem ich das Beste zu machen versuchte.


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Geschrieben am 12. März 2001
Letztes Update am 14. März 2006
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