Zurück ins Leben

Roman von Nothburga Karnutsch 1994, 466 Seiten in Handschrift

Marlen verlebt keine besonders schöne Kindheit, da sich ihre Eltern großteils um ihre Firma kümmern. So kommt sie wie ihre beiden Geschwister in ein Internat, wo sie einen Beruf erlernen soll. Dort begegnet sie ihrer ersten großen, jedoch verbotenen Liebe, was nicht ohne Folgen bleibt. Durch einen Zufall trifft sie Viktor nach Jahren wieder. Der jedoch hat schwerwiegende Probleme.

Marlen drückte die Eingangstür ihrer Wohnung ins Schloss, lehnte sich dagegen und seufzte tief. Soeben hatte sie ihren Freund Carlos mehr oder weniger aus der Wohnung geworfen, denn diese Beziehung, die ohnedies nur ein halbes Jahr gedauert hatte, war einfach eine Zumutung für sie gewesen. Überhaupt war sie froh, nun wieder alleine leben zu können und diesen Zustand wollte sie auch zukünftig beibehalten. Um die restlichen Spuren seiner Anwesenheit zu beseitigen, räumte sie drei Stunden gründlich auf und beschloss, zur anschließenden Entspannung einen Spaziergang zu machen, der bestimmt Körper und Seele gut tat. Der Frühling war eingekehrt, die Tage wurden nun allmählich länger und jetzt im Mai hatte die Natur bereits ihre volle Blütenpracht entfaltet. Schon als sie den Park betrat, roch es nach duftenden Blumen und Sträuchern und sie zog genüsslich die angenehme kühle Abendluft ein. In dieser herrlichen Dämmerstunde wählte sie die Seerunde, die überhaupt zu ihrem Lieblingsort gehörte. Das Wasser plätscherte leise und die bereits angehenden Lichter der Großstadt spiegelten sich auf der Wasseroberfläche. Es kamen offenbar noch mehr Menschen auf den Gedanken, einen erholsamen Abendspaziergang zu machen, denn entweder gingen Pärchen Arm in Arm an ihr vorüber oder Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern. Leider herrschte um diese Stunde noch reges Treiben und vom Abschalten konnte keine Rede sein. So setzte sie sich schließlich auf eine abgelegenere Parkbank, die dicht am Wasser unter den Bäumen stand und sie ein wenig von den regen Treiben abschirmte. Marlen genoss diese harmonische Einsamkeit abseits der Hektik und des Alltags. Sie blickte aufs glitzernde Wasser, hörte das leise Plätschern und dachte wie fast immer bei diesem Anblick an ihre erste große Liebe und die damit verbundenen Erlebnissen, die teilweise so verrückt waren, dass sie sie heute manchmal kaum mehr fassen konnte. Sie hatte die Augen halb offen, lehnte in der Parkbank und sah den kleinen Wellen zu, die das Licht immer wieder durchbrach. Die angenehmen Bilder vor ihren Augen vermischten sich mit den Visionen in ihrem Kopf zu einem Film, den sie nur allzu gerne vom Anfang bis zum Ende träumte.

Sie war eines von drei Geschwistern und ihre Eltern kümmerten sich so gut wie kaum um ihre Kinder. So musste stets die jeweils Ältere aufs Jüngere aufpassen, da Mutter und Vater viel zu sehr mit ihrer Firma beschäftigt waren, die sie erst zu dem gemacht hatten, was sie nun war, nämlich das große Immobilienunternehmen Senders. So kamen die Kinder schließlich ins Internat und Marlen war die Letzte, die diesen Ort besuchte. Die beiden anderen – der ältere Bruder und die mittlere Schwester – waren inzwischenerwachsen und arbeiteten im Betrieb der Eltern wie vorgesehen. Marlen sollte den Beruf der Sekretärin und Buchhalterin erlernen, um dann ebenfalls als Familienmitglied mitarbeiten zu können. Ob sie, die gerade siebzehn Jahre alt geworden war, das auch wollte, stand genauso wenig zur Debatte, wie einst bei Jörg und Karla  […]

[…] Am kommenden Nachmittag bat sie um einen längeren Ausgang, denn Beate war wie so oft in letzter Zeit unleidlich und das störte sie beim lernen, das ihr wichtiger als alles andere war. Es herrschte wunderschönes Jännerwetter, die Sonne schien richtig warm und heizte die föhnige Luft auf plus 18 °. So nahm sie ihre Lernmappe und setzte sich auf eine Sonnenbank nahe dem Kanal. Die Ruhe ließ sie einige Seiten Deutsch lernen und immer wieder lehnte sie sich zurück, schloss die Augen und wiederholte in Gedanken das eben Aufgenommene. Durch einen dunklen Schatten über sich hob sie etwas erschrocken den Kopf und erkannte mit Mühe Viktor gegen das Sonnenlicht, der dicht vor ihr stand.
„Was machen sie denn hier?“,
staunte sie. Im selben Augenblick sah sie einen großen Boxermischling neben ihm.
„Ich gehe mit dem Hund meiner Nachbarin spazieren, die krank ist. Bist du geflüchtet?“
Sie lachte:
„Ja, weil hier ist es so schön ruhig und die Sonne scheint herrlich angenehm warm. Ein idealer Ort zum lernen und entspannen.“
Er sah sie fragend an.
„Stört es dich wenn ich mich zur dir setze um auszuruhen, vielleicht kann ich dir auch helfen?“
Sie blickte ihn an und lächelte.
„Sie könnten mich prüfen, aber zu allererst ist Rauchpause“,
seufzte sie ein wenig erschöpft vom vielen Lernen. Weil sie sah, dass er ihr Feuer geben wollte, der Wind aber ziemlich wehte, umschloss sie schützend das Feuerzeug in seinen Händen, damit die Flamme nicht ausging. Sie spürte seine vom Leinehalten kühlen Finger, ihre Blicke trafen sich und blieben aneinander hängen.
„Wirklich schön warm, man glaubt der Frühling kommt“,
meinte er verlegen.
"Ja, deshalb bin ich auch hier. Ich habe zwei Stunden Deutsch gelernt, das reicht für heute."
Sie schlug die Mappe zu und legte sie neben sich.
"Du bist sehr fleißig, was strebst du denn an?",
erkundigte er sich interessiert. Sie sah aufs Wasser und war um eine Antwort bemüht, die sie noch keinem zu geben brauchte, da Niemand, außer dem Lehrpersonal, sie danach gefragt hatte.
"Ich soll in der Firma meiner Eltern Sekretärin werden",
entgegnete sie beiläufig.
"Doch das möchtest du nicht wirklich,"
forschte er, weil er ihren Tonfall hörte. Zum ersten Mal war ihr so richtig klar geworden, dass das absolut nicht die Vorstellung ihrer Zukunft war und sie entgegnete leise:
"Nein, im Grunde nicht wenn ich ehrlich bin. Aber meine beiden Geschwister arbeiten auch im Familienbetrieb, da wurde nie gefragt was einer von uns werden will."
Er sah sie an.
"Ah ja, Immobilienbüro Senders, ich kannte deine Geschwister nicht, bin erst seit zwei Jahren hier. Was würdest du denn gerne werden, ginge es nach deinem Wunsch?"
Die Antwort darauf kam prompt:
"Krankenschwester, doch daraus wird wohl leider nichts."
Er blies den Rauch in die Luft.
"Wieso nicht? Du solltest dein eigenes Leben führen, es gehört allein dir. Niemand hat das Recht darüber zu verfügen."
[...]

[Feueralarm im Internat]
„Wir schaffen es“,
keuchte Marlen zu Kerstin und um sich selbst Mut zu machen. Ihr war schon ziemlich schwindlig und die Beine wollten auch nicht mehr so recht, als sie am Gang zum Garten angelangt war und Stimmengewirr und Menschen wahrnahm. Schon kamen zwei Männer auf sie zugelaufen und nahmen ihr Kerstin ab, die sie getragen hatte. Sie wurde mit einem Ruck hochgehoben und auf eine Bahre gelegt. Gerade als Marlen vor Atemnot die frische Nachtluft einziehen wollte, wurde ihr eine Maske über Nase und Mund gestülpt. Sie wollte sich im ersten Reflex dagegen wehren, weil sie plötzlich panische Angst überkam zu ersticken. Doch bald spürte sie kühlen Sauerstoff und sie ließ aufatmend die Arme sinken. Da war Viktor neben ihr und nahm sie an den Händen:
„Mensch bin ich froh, dass dir nicht mehr passiert ist. Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht. Du wirst die beste Krankenschwester sein, die es weit und breit geben wird, weißt du das!“
Sie sah ihn glücklich an und rasch vergingen Hustenreiz und Atemnot. Von der Hektik rundum nahm sie nur wenig wahr und drückte seine Hände fest.
„Geht’s dir gut Marlen?,“
hörte sie ihn besorgt fragen. Sie nickte. Beruhigt strich er ihr durchs Haar. Auf einmal stand Bernd neben ihnen und stupste Viktor am Arm.
„Sei vorsichtig Mann,“
hörte sie ihn flüstern. Rasch entzog sie sich seinen Händen, lächelte und drehte den Kopf zur Seite […]

[…] Marlen ging durchs Stiegenhaus auf ihre Gruppe und sah im vorbeigehen Bernd alleine am Gang sitzend rauchen. Sie grüßte wie immer und war schon im Begriff weiterzugehen, da hörte sie ihn sagen:
„Marlen, bitte kommst du kurz, ich würd gerne mit dir reden.“
Sie sah ihn erstaunt an, trat näher und setzte sich ihm gegenüber.
„Ja bitte, was ist?,“
fragte sie zögerlich. Er räusperte sich verlegen und begann dann ohne sie anzusehen:
„Ihr solltet ein bisschen vorsichtiger sein, besonders er. Immerhin hat er hier eine Verantwortung zu tragen, er ist Erzieher. Es wird schon getratscht und das könnte unangenehme Folgen für ihn haben.“
Marlen sah befangen zum Fenster hinaus.
„Ich denke ich habe verstanden, danke auch“ […]

"Morgen ist doch dieser Tauchkurs im Schwimmbad, machst du auch mit?"
Sie sah Viktor groß an, lachte dann aber herzlich.
"Ich und tauchen? Ich bin froh, wenn ich mich über Wasser halten kann."
Jetzt lachte er.
"Alles lässt sich lernen und es ist eine Abwechslung zum Schulstress. Ich leite den Tauchkurs gemeinsam mit Lehrer Jendl."
Sie stützte den Kopf in die Hände und sah ihn an. Sie ahnte, warum er ihr das wie so nebenbei mitgeteilt hatte.
"Sie leiten ihn, können auch tauchen? Naja, ich kanns ja mal versuchen."
[...]

Vom Schwimmbad aus sah man herrlich auf den bereits blühenden Garten hinaus. Viktor und Lehrer Jendl waren anfangs mit im Wasser und zeigten ihnen, wie man am besten Tempos machte und tauchte. Dann standen sie draußen am Beckenrand und gaben Anweisungen. Er sah so hinreißend aus im weißen Dienstmantel, den er halb offen hatte. Sie sah ihn oftmals nur kurz an und genoss ihre Verliebtheit.
"Hey Marlen, träumst du? Du sollst fünf Längen schwimmen!"
Die laute Stimme von Lehrer Jendl riss sie aus ihren Gedanken und sie sah Viktor verhalten schelmisch lächeln. Als sie an ihm vorbeischwamm, platschte sie extra fest mit dem Fuß ins Wasser und sah aus den Augenwinkeln, wie er zurücktrat. Jetzt musste sie vor Übermut lachen und verschluckte sich auch noch. Doch dann schwamm sie konzentriert ihre Runden. Sie tauchte auch noch ein paar Mal, denn immerhin wollte sie die Prüfung schaffen. So bemerkte sie in ihrem jetzigen Übereifer gar nicht, dass die Stunde zu Ende war und alle schon im Begriff waren zu gehen. Durch ein lautes Klatschen schreckte sie hoch und sah Viktor dicht am Beckenrand stehen.
"Komm jetzt raus, wir müssen auch auf die Gruppen."
Sie sah sich erstaunt im mittlerweile leeren Schwimmbad um.
"He, wo sind denn alle?"
Eilig schwann sie an den Rand und stemmte sie aus dem Wasser.
"Ach, da drüben liegt noch eine Sauerstoffflasche, die muss noch zu den anderen,"
stellte er fest. Doch bevor er dazu kam sie zu holen, lief sie los und brachte sie ihm. Am Weg zurück nahm sie ihr Badetuch von der Heizung und kuschelte sich in die wohlige Wärme. Viktor räumte auch die restlichen Badematten ins Aufsichtszimmer und während sich Marlen die nassen Haare trockenrubbelte, konnte er sehen, wie ihr Badeanzug auf ihrer Haut klebte und jede ihrer Formen ganz genau erkennen ließ. Die halbnassen Haare schienen dadurch dunkel und umrahmten wellig ihr erfrischtes Gesicht. Er schlichtete bereits zum dritten Mal Matten und Flaschen, ließ den Blick aber währenddessen kaum von ihr. Sie spürte, dass und wie er sie ansah und hielt aus einiger Entfernung wie gebannt dem Blick stand. Da fiel ihr das Badetuch aus der Hand und noch ehe sie sich bücken konnte um es aufzuheben, war er neben ihr und legte es um ihre Schultern weil er sah dass sie leicht fror. Dabei strich er ihr eine tropfende Haarsträhne aus dem Gesicht und glitt dabei mit den Fingern über ihre Wange. Er trat einen letzten distanzierenden Schritt auf sie zu, nahm sie an den Oberarmen und drückte sie sachte an sich. Von seinem Körper ging eine solche Wärme aus, die ihre nasskalte Haut berührte und sie seufzte voller Wonne auf. Ganz sanft zog er an ihren Haaren und bog so ihren Kopf leicht zurück. Von diesem Anblick gefesselt begann er sie zu küssen, zuerst vorsichtig, doch dann immer leidenschaftlicher. Sie erwiderte seine Signale mit einer mädchenhaften Schüchternheit, die ihn erst recht erregten. Er strich mit der flachen Hand über ihre kalte Brust und konnte spüren, dass ihr inm nassen Badeanzug zu kalt war. Seine Hände fühlten sich so heiß an, dass sie sich aufstöhnend dagegen lehnte. Langsam schob er Badetuch und Träger von ihren Schultern und streifte schließlich den Badeanzug von ihrem Körper. Damit ihr richtig warm werden würde, presste er sie eng an sich. Mit fahrigen Fingern öffnete sie die paar Knöpfe seines Dienstmantels, schob nun ihrerseits seine Badehose nach unten und spürte ihn nun Haut an Haut, was sie fast verrückt werden ließ, ihn jedoch ebenso. Sie bedeckte seinen Oberkörper mit fordernden Küssen und spürte mit steigendem Verlangen, dass auch er seine Erregung kaum noch unter Kontrolle halten konnte. Da zog er sie ins Bademeisterzimmer, drückte die Tür ins Schloss und lehnte sie gegen den Mattenstapel.
„Viktor wir dürfen das nicht“,
begann sie mit schwachem Widerstand, weil ihr in dem Augenblick Bernds Worte einfielen.
„Ja ich weiß, aber ich hab mich einfach total in dich verliebt.“
Er umschloss ihren Mund mit einem leidenschaftlichen Kuss, zog sie auf die Matten und beugte sich über sie. Sie genoss jede seiner Berührungen, die sie mit derselben Leidenschaft erwiderte. Nun war ihr nicht mehr kalt sondern prickelnd heiß. Er vergaß in seiner Verliebtheit und dem übermächtigen Verlangen alles in und um sich. Es spielte keine Rolle, dass er 10 Jahre älter als sie war, dass er als Erzieher etwas Verbotenes tat, und dass sie noch dazu eine minderjährige Schülerin war. Er war auch nicht auf den Gedanken gekommen sie zu fragen, ob sie bereits mit einem Mann geschlafen hatte, noch dachte er an Empfängnisschutz. Weil sie ihn fest an sich zog, drang er aufstöhnend langsam in sie ein. Da spürte er, dass er nicht der Erste für sie war und das erfüllte ihn für den Bruchteil einer Sekunde mit Erleichterung. Sie bog sich ihm entgegen, umfing ihn um die Hüften, weil sie so besser den Rhythmus spüren konnte. Er hörte ihre leisen unterdrückten Schreie und nur wenige Stöße trennten ihn noch vom Höhepunkt. Sie fühlte es und bewegte sich intensiver, was auch sie unheimlich anfachte. Fast gemeinsam explodierte ihre Spannung und er ließ sich erschöpft auf sie sinken. Er spürte ihren raschen Puls und hörte ihren schnellen Atem.
„Marlen, ich liebe dich“,
keuchte er flüsternd noch weggetreten und küsste sie.
„Ich dich auch Viktor“,
hauchte sie, doch die Gegenwart holte sie rasch wieder ein und er stand abrupt auf. […]

[...] Das alles lag nun schon fast fünf Jahre zurück. Inzwischen war es dunkel geworden und Marlen wischte sich über die Augen, als sie den Heimweg antrat. Jetzt, wo die Vergangenheit wie ein Film vor ihr abgelaufen war, erkannte sie auch den Grund, warum es mit Markus, Mischa und Carlos nicht geklappt hatte und mit Niemandem anderen funktionieren würde. Ihre Liebe gehörte nach wie vor nur Viktor, der fest in ihrem Herzen verankert war und es wohl auch bleiben würde. Wie mochte es ihm wohl jetzt gehen? War er schon verheiratet und hatte Kinder? War er nun Lehrer für Sozialberufe geworden? Wie sah er wohl heute aus? Zu gerne hätte sie ihn nur einmal kurz gesehen, nur um zu wissen ob er glücklich war, doch sie wagte es nach so vielen Jahren nicht, ihn ausfindig zu machen. […]

[…] Als sie am kommenden Samstagmorgen erst gegen Mittag aufstand und ein ausgiebiges Frühstück vorbereitete, läutete es an ihrer Wohnungstür:
[Jörg, Marlenes Bruder, wohnte vorübergehend bei ihr]
„Jörg öffnest du bitte, ich hab schmutzige Hände.“
Er ging mit einem Handtuch um die Hüften zur Tür, da er erst geduscht hatte. Draußen stand ein fremder Mann und sah ihn etwas überrascht an.
„Entschuldigen sie, wohnt hier eine Marlen Senders?“,
fragte er verlegen. Jörg, der gerade im Begriff war zu antworten, hörte Marlen aus der Küche kommen.
„Der Besuch gilt dir“,
Marlen glaubte ihren Augen nicht zu trauen.
„Bernd…, sie sind es wirklich, was machen sie hier?“
Sie war erstaunt und verwirrt zugleich. Er blieb in der Tür stehen, sah Jörg und sie an und meinte schließlich trocken:
„Ich glaub, mein Besuch hat sich erledigt, bitte entschuldigen sie die Störung.“
Marlen fiel gleich auf, wie merkwürdig er Jörg angeschaut hatte und reagierte rein aus dem Gefühl heraus:
„Sie stören nicht, Jörg ist mein Bruder, er wohnt so lange hier, bis ein Studentenzimmer frei geworden ist.“
Warum sie sich verpflichtet fühlte, ihm Jörgs Anwesenheit zu erklären wusste sie selbst nicht so genau, doch sie hatte ein eigenartiges Gefühl bezüglich seines Besuchs und diese Worte schienen ihr wichtig. […]

[…] „Aber weswegen sind sie eigentlich gekommen, das hat doch sicher einen Grund?“
Sie war zwar neugierig, doch mehr noch nervös. Er wirkte so ernst, so nachdenklich. Er rührte im Kaffee, in dem der Zucker bestimmt schon längst zergangen war. Es konnte nur einen Grund geben, warum er sie aufsuchte, ging es ihr durch den Kopf und weil er noch immer wortlos herumrührte, begann sie zögernd:
„Es ist wegen Viktor, ja? Was ist mit ihm?“
Er sah sie überrascht an. Noch mehr beunruhigte sie, weil er nicht gleich antwortete:
„Was ist mit ihm, geht es ihm nicht gut? Ja so muss es wohl sein, also was ist denn?“
Bernd sah sie noch überrascht an.
„Du liebst ihn ja noch immer.“
„Bitte sag mir was mit ihm ist“,
bat sie nun besorgt und ungeduldig. Da lehnte er sich zurück und seufzte tief.
„Ja du hast Recht, ich komme seinetwegen, es geht ihm nämlich wirklich nicht gut.“
Marlen rührte ihren Toast nicht an.
„Ist er krank?“,
forschte sie leise. Bernd zog den Atem ein.
„Noch nicht, aber wenn er so weitermacht, wird er es noch werden.“
„Was ist passiert?“
Nun hatte sie Gewissheit, dass etwas geschehen war und sie bekam ein flaues Gefühl im Magen. Bernd raufte sich mit den Fingern die Haare.
„Ich denke… nunja, es wird wohl schon ein Jahr her sein. Er ist damals wie immer von der Schule nach Hause gefahren. Wie es wirklich genau passiert ist weiß nur er. Plötzlich lief ein Kind mit Rollschuhen auf die Straße, wohl weil es eine Freundin auf der anderen Seite hatte rufen hören. Er ist sowieso immer eher langsam auf dem Weg und als er das Kind gesehen hat, ging er noch weiter vom Gas. Doch aus welchem Grund auch immer ist die Kleine gestürzt. Trotz einer Notbremsung hat er sie erwischt, die Ärzte haben eine Woche um das Leben des Kindes gekämpft – vergeblich. Seit den Geschehnissen ist Viktor wie verwandelt. Er gibt sich die alleinige Schuld, bezeichnet sich als Mörder, raucht viel zu viel und trinkt auch weit mehr als ihm gut tut. Marlen, ich komme deshalb zu dir, weil du der einzige Mensch bist, der ihm womöglich helfen kann. Seit du damals fortgegangen bist, hatte er keine richtige Beziehung mehr. Betty ist wohl heute dann und wann einmal bei ihm, doch was Ernstes ist das auch nicht […]

[Ein Telefonat zwischen Viktor und Marlen]
„Die Nächte sind immer so lang und… ach, ich lass dich jetzt besser lernen. Hast du mal wieder irgendwann Zeit?“
Sie hielt kurz inne
„Soll ich vorbeikommen, für heute habe ich sowieso genug gelernt und müde bin ich noch nicht.“
Wieder war es eine Weile still in der Leitung.
„Es ist schon spät Marlen und du musst morgen bestimmt früh raus.“
Erneut schüttelte sie den Kopf.
"Halb so schlimm. Möchtest du, dass ich komme, mit dem Auto sind es nur zehn Minuten von hier.“
Er seufzte:
„Ja, wär schön.“
Sie nickte:
„Ich fahr dann los, bis gleich.“
Dann legte sie auf. Sie wusste noch von früher wo er wohnte, er hatte es ihr mal gezeigt. Sie machte sich in Windeseile zurecht, nahm ihre Handtasche, sagte Jörg Bescheid und fuhr durch die fast schon leeren Straßen. Noch bevor eine viertel Stunde vergangen war, klingelte sie beim Namen Desovich. Sie stand schon vor der Wohnungstür, denn wohl durch die derzeitige Septemberwärme war die Eingangstür unten offen gewesen. Schon hörte sie näher kommende Schritte und Augenblicke später öffnete er. Als sie eintrat, kam ihr sogleich eine dicke Zigarettenwolke entgegen und wie sie ins Wohnzimmer trat, konnte sie sehen, dass der Aschenbecher schon fast überging und eine fast leere Doppelliterflasche Weißwein stand auf dem Tisch.
„Schön, dass du jetzt in diesem Moment da bist. Willst du auch ein Glas Wein?“
Sie setzte sich und schüttelte den Kopf. Der Mond schien durchs geschlossene Fenster und im Zimmer brannte nur eine kleine Stehlampe. Er sah blass und abgekämpft aus und es tat ihr weh, ihn in dieser Verfassung zu sehen. Als er sich erneut nachschenkte, stand sie auf, setzte sich zu ihm und nahm ihn schweigend in die Arme. Sanft strich sie ihm durchs Haar und schob zugleich das Weinglas in die Mitte des Tisches. Er lehnte sich an sie und schloss die Augen. Da erst sah sie zwei Kaffeetassen und Löffel auf der Anrichte stehen, denn von hier aus konnte sie uneingeschränkt in die Küche sehen. Hatte nicht Bernd irgendetwas von einer Betty gesagt, die dann und wann einmal bei ihm war? Sie spürte, wie er sich an sie schmiegte und es genoss, dass sie da war oder dass er im Augenblick nicht alleine war? Vielleicht verwechselte er sie im Taumel mit dieser anderen? Sie schüttelte innerlich diese Gedanken von sich. Sie sprachen kein Wort bis sie merkte, dass er schon fast einschlief.
"He Viktor komm, ich bring dich ins Bett,“
flüsterte sie, machte sich vorsichtig von ihm los und stand auf. Sie nahm ihn an den Händen und zog ihn hoch. Er lächelte matt und schob sie vor sich her ins Schlafzimmer, wo er sich schwerfällig ins große durchgehende Doppelbett fallen ließ. Es war beidseitig bezogen, fiel ihr auf. So schob sie seine Decke zurück, zog ihm die Hausschuhe aus und deckte ihn zu.
„Bitte geh nicht fort,“
murmelte er, hielt sie schwach an der Hand und sah sie aus glasigen Augen an. Sie drehte den zweiten Polster samt der Bettdecke um und legte sich neben ihn:
„Nein, ich bleib bei dir, schlaf jetzt,“
meinte sie leise und konnte sehen, wie erleichtert er die Augen schloss. Doch sie lag noch lange wach und grübelte. Hatte diese Betty hier schon oft übernachtet, auch mit ihm geschlafen? Sie bildete sich direkt ein, ihr Parfüm zu riechen, schüttelte sich und stand schließlich auf. Leise trat sie ans Fenster und öffnete es. Sie ging ins Wohnzimmer und begann aufzuräumen, an Schlaf war sowieso nicht zu denken. […]


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Letztes Update 04. November 2002
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