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Das Wiedersehen im Pensionistenheim Sankt Raphael

Roman von Nothburga Karnutsch 1998, 229 Seiten

Sara Cru hätte Chris wirklich liebgewonnen, doch er vermasselte Alles an einem einzigen Abend.

Durch Zufall sehen sich die beiden später wieder, doch diese eine Nacht steht zwischen ihrem Leben und scheint sich auch noch zu wiederholen.

Sara wurde mulmig zumute, zum einen weil sie begriff, daß Stefan recht hatte mit dem was er von sich gab und zum anderen, weil sie um nichts in das Auto von Chris einsteigen wollte, doch alles sprach gegen sie. Ihr Wagen schien einen Defekt zu haben, den man in dieser blöden Dunkelheit nicht finden und deshalb nicht so schnell reparieren konnte, das Restaurant hatte schon geschlossen und rings herum umgab sie idylischer Wald, den sie im Moment allerdings verwünschte, schon auch deshalb, weil sich ein Gewitter aufzubauen schien.
"Na komm Baby oder willst du hier etwa pudelnaß werden, also ich nicht."
lallte Stefan und wankte voraus. Sara stand hilflos neben ihrem kaputten Auto, aus dem sie die Handtasche nahm und ihn schließlich absperrte.
"Geh ihm nach, der verirrt sich sonst noch in dieser stockdunklen Gegend, ich gehe zu Fuß."
stotterte sie Chris zugewandt, weil ihr einfach im Moment nichts besseres einfiel. Somit schickte sie sich an zu gehen, obwohl sie wußte, daß sie mit Sicherheit zwei bis drei Stunden nach Hause gebraucht hätte, soforn sie überhaupt jemals in dieser regnersichen Nacht dorthin gefunden hätte. Doch sie hätte jede Unüberlegtheit oder noch so weiten Fußmarsch ob im Regen oder Schnee auf sich genommen, nur um nicht zu ihm ins Auto steigen zu müssen. Da nahm er sie plötzlich wenngleich sachte am Arm, trotzdem fuhr sie zusammen.
"Komm Sara, steig ein, ich könnte nämlich nicht verantworten, daß du vielleicht nie heimkommen würdest. Es ist total finster und es sieht nach Regen aus, ich tu Dir ganz bestimmt nichts... nicht mehr."
Mit diesen Worten ließ er sie los und folgte Stefan in Richtung seines Autos. Sara hatte das Gefühl, daß ihr Herz jeden Moment herausspringen müßte, so trafen sie seine Worte. Jetzt war es eindeutig, er wußte also noch ganz genau was damals geschehen war und er hatte es von Anfang an gewußt. Wie in Trance folgte sie ihm, denn die unbändige Angst von vorhin war einer fast ohnmächtigen Lethargie gewichen. Er wusste es noch genau wie sie, er konnte sich noch an sie und die unschönen Ereignisse erinnern. Stefan setzte sich von vornherein nach rückwärts und lehnte sich ausgestreckt auf die lange Bank. So blieb Sara nichts anders übrig, als sich neben Chris zu setzen. Stefan war recht bald eingeschlafen und schnarchte leise, da die Autofahrt zu ihm immerhin fast eine halbe Stunde dauerte. Es hatte mittlerweile stark zu regnen begonnen und Chris reduzierte sein Tempo. Sara drückte sich in die Rückenlehne und versuchte sich krampfhaft einzureden, sie säße in einem Taxi und der Mann neben ihr war ein ihr völlig Fremder. Schließlich waren sie bei Stefans Wohnanlage angekommen und Chris stellte den Motor ab, da er merkte, dass sein Freund nur mit viel Mühe wachzukriegen war.
"Ich bring dich noch nach oben"
stützte er ihn, doch Stefan schüttelte ihn ab.
"Lass nur Mann, das erfrischt den angehenden Kater, da werden ja Tote wieder lebendig. Danke nochmal und bring Sara gut nach Hause. Gute Nacht ihr beiden."
Er zog die Jacke über den Kopf und war kurze Zeit später in der Eingangstür verschwunden. Sara traute sich kaum zu atmen und sich zu bewegen, als Chris erneut den Motor startete und fast im Schritttempo fuhr. Beide sprachen kein Wort und zwischen ihnen lag wie draußen eine erdrückende Spannung. Sie betete inständig, dass sie bald bei sich zuhause ankommen würden und zählte in Gedanken schon die Meter durch den Wald, durch den sie auch ihr damaliger Nachhauseweg geführt hatte. Da bremste Chris plötzlich ruckartig und sie schrie leicht erschrocken auf, während sie sich nach vorne abstützte. Knapp vor ihrem Auto lief ein völlig verschrecktes Reh über die Forststraße.
"Das war jetzt aber knapp, das Tier und wir haben Glück gehabt. Um ein Haar und ich hätte den Wagen verreißen müssen oder das Reh überfahren."
Sara krampfte die Hände ineinander und zog vor Aufregung die Jacke tief in die Schultern. Chris legte den Retourgang ein, da er wegen des Rehs zu weit nach rechts abgebremst hatte. Der Motor heulte auf, der Wagen schaukelte nach vor und zurück, blieb aber letztendlich am Stand.
"Die Räder drehen durch, ich fürchte wir stecken fest. Das ist aber auch das reinste Hochwasser hier, naja bei dem Wolkenbruch."
Es schüttete wie aus Kübeln und die Schotterstraße unter ihnen hatte sich binnen kurzer Zeit fast in einen reißenden Bach verwandelt. Schließlich stellte Chris nach etlichen Versuchen den Motor ab und sah sich nach allen Seite um.
"Gott sei Dank bin ich weit genug rechts von der Straße, na Staße ist gut, ich stehe wohl mehr im Straßengraben. Ich schalte mal lieber die Warnblinkeranlage ein, damit wir gesehen werden, falls in dieser Einöde und bei dem Wetter noch Jemand kommt, sonst fährt uns der womöglich hinten drauf."
Sara öffnete ihren Sicherheitsgurt:
"Und wenn wir schieben?"
meinte sie lediglich mit kläglicher Stimme.
"Das hat keinen Sinn, sieh dir doch nur die Straße an. Erstens wären wir binnen weniger Sekunden patschnass und zweitens kämen wir nur wenige Meter weit um dann erneut festzustecken. Am besten wird wohl sein, wenn wir abwarten, denn so ein extremer Gewitterregen geht meist so schnell wie er gekommen ist und ein paar Minuten später ist auch das überschüssige Wasser wieder abgelaufen."
Mit dieser sachlichen aber korrekten Feststellung lehnte er sich in den Sitz zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und schloss die Augen. Sara wollte nicht wahrhaben, was er da eben von sich gegeben hatte, denn es konnte doch auch genausogut stundenlang dauern, bis es zu regnen aufhörte und sie war absolut nicht gewillt, diese Zeit hier tatenlos und angsterfüllt neben ihm auszuharren. Entschlossen öffnete sie die Beifahrertür und erschrack, weil der Wind sie fast zuschlug und den Regen ins Wageninnere peitschte. Da beugte sich Chris ruckartig über sie und zog die Tür mit einem festen Ruck wieder zu.
"Sara, es hat keinen Sinn auszusteigen, das siehst Du ja selbt. Lehn Dich zurück, mach einfach die Augen zu, vielleicht kannst Du ja ein wenig schlafen."
Ja sie sah es selbst, doch anstatt ihm zuzuhören überkam sie in diesem Moment Panik, weil er eben so dicht über ihr gewesen war und sie war wie damals hilflos und für den Augenblick gefangen neben ihm.
"Ich will aber hier raus."
begann sie weinerlich, weil sie sah, dass sie genau das aber nicht konnte, da es wirklich sinnlos und obendrein zu gefährlich war.
"Jetzt beruhig Dich Sara und hör auf zu weinen. Du brauchst keine Angst zu haben, wir kommen hier ganz bestimmt bald raus. Außerdem tu ich dir ganz sicher nichts, so wahr ich hier sitze.....


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Letztes Update 04. November 2001
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